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  • AutorenbildKerstin Tscherpel

Die Bürde des Alters

In Bälde werde ich wieder ein Jahr älter und obwohl ich nicht wirklich mit der zunehmenden Zahl hadere, merke ich doch, dass das fortschreitende Alter zur Bürde wird.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt aufgewacht bin und mir nicht irgendwas wehgetan hätte. Ich versuche mich zu erinnern, wie das Körpergefühl war, als ich jung war, aber es gelingt mir nicht. Wahrscheinlich ist es einfach zu lange her.

Meistens tut mir der Rücken weh, so als würde die verstrichene Lebenszeit als Gewicht auf meinen Schultern lasten. Dabei habe ich meist keine schlimmen Schmerzen, aber doch so, dass ich versuche meinen Rücken mit Massagen, Physiotherapie und Yoga zu therapieren. Die Massagen sind hiervon der angenehmste Therapieansatz. Man legt sich auf eine Liege und lässt sich ordentlich durchwalken. Danach fühle ich mich immer besser. Leider hält dieses Gefühl nicht lange vor. Durch meinen Arbeitsalltag in der Schule, bei dem ich viel Sitze und gebückt über Computer, Bücher oder Schülerarbeiten brüte, könnte ich jeden Abend eine Massage gebrauchen. Da das zu aufwendig und kostenintensiv wird und keine langfristige Lösung darstellt, bin ich zu unserem ansässigen Orthopäden. Dr. Müller ist ein deutscher Arzt, der sich hier in Delhi niedergelassen hat und einen sehr guten Ruf genießt. Er ist sehr verständnisvoll und verschreibt mir Physiotherapie für meinen durch Fehlhaltung lädierten Rücken.

Zwei- bis dreimal besuche ich das hauseigene Fitnessstudio der Praxis, in dem Aditi, meine Personal-Trainerin, mit mir die Übungen macht.

Sie legt eine milde Strenge an den Tag und fordert Übungen ein, bei denen ich permanent das Gefühl haben, dass ich die dazu notwendigen Muskeln gar nicht besitze. Also feilsche ich mit ihr um jede Wiederholung, aber sie bleibt unerbittlich. Ziel ist es, meinen oberen Rücken aufzutrainieren. Dies soll den sich ankündigenden Rundrücken vorbeugen und die Beschwerden lindern. Wirklich motiviert bin ich nicht, dorthin zu gehen. Also lasse ich des Öfteren Sitzungen ausfallen und mache auch nicht meine Hausaufgaben. Ich finde einfach keine Zeit zu Hause. Wahrscheinlich fehlt es mir an der nötigen Disziplin. Natürlich bringt die Physio so nicht den gewünschten Effekt und nach dem zweiten Rezept überlege ich, ob das ganze für mich so viel Sinn macht.

An der Deutschen Botschaft gibt es freitags Zumba und seit neuestem Yoga im Anschluss. Während das Zumba eher was für die Kondition ist, ist das Yoga gut für die Beweglichkeit.

Das Zumba ist lustig, obwohl das viele Gehüpfe anstrengend ist, ist es mit meinen Kolleginnen ein schöner Start ins Wochenende. Es hebt die Laune deutlich, ob das an unseren extrovertierten Tanzlehrer oder meinen so engagierten Kolleginnen liegt, weiß ich nicht. Wahrscheinlich ist es die Kombination daraus und der peppigen Musik.

Danach kommt unsere Yogasession. Bharat, unser Yogalehrer, ist klein und eher zierlich gebaut. Er begrüßt uns freundlich mit sanfter Stimme. Ich bin etwas skeptisch, da ich von meiner Kollegin bereits einige Geschichten über ihn gehört habe. Zum Beispiel legt er sich mit seinem gesamten Gewicht auf einen drauf oder er drückt einem die Beine noch weiter auseinander, um die Dehnung zu intensivieren. Die Vorstellung kommt mir dann doch etwas zu intim vor. Deswegen bitten wir Bharat, sich mit den Korrekturen etwas zurückzuhalten. Die Stunde beginnt und als hätte man einen Schalter umgelegt, kommt von Bharat im Militärston die Anweisung sich im Schneidersitz hinzusetzen. Er betrachtet uns und fragt dann völlig verzweifelt Julia, wie er jetzt damit umgehen soll, wenn er uns nicht korrigieren darf, aber keiner von uns korrekt sitzt. Mir wird mulmig. Bislang dachte ich, dass der Schneidersitz eine der einfacheren Übungen sei, bei der man nicht viel falsch machen könne. Im gleichen Militärston geht es weiter. Eine Übung ist härter als die andere. Ich betrachte die leidenden Gesichter, um mich herum und bin mir nicht so ganz sicher, ob ich lachen oder weinen soll. Wir müssen uns derart verknoten, dass ich nach der Übung kaum wieder aus der Stellung herauskomme.

Meine Beine zittern und er zählt bis 20, dann von 10 runter und dann noch mal bis 10 rauf. Als ich stöhne und laut leide, ist sein Kommentar: „No pain, no gain!“ Ich kann nicht mehr! Nach der Stunde sind alle vollkommen fertig und die gute Laune vom Zumba verflogen.

Als ich nach Hause komme, erzähle ich meinem Mann davon. Der schaut mich etwas ungläubig an und vermittelt mir das Gefühl, dass ich ein Jammerlappen bin. Weil ich das so nicht auf mir sitzen lassen will, überrede ich ihn doch nächstes Mal mitzukommen.

In der darauffolgenden Woche begleitet mich also mein sportlicher Mann, der gern Fußball und Tennis spielt. Ich bin schon etwas ängstlich, weil ich nach der ersten Stunde eine Woche Muskelkater hatte. Als unser Yogalehrer seinen Militärton anschlägt, schaut mich mein Mann überrascht an. Wieder quält er uns ohne Pause. Die einzige Entspannung sind ein paar Atemzüge zu Beginn im Schneidersitz und am Ende in der Position des toten Mannes. Dazwischen dürfen wir gelegentlich in die Child Pose, die ich ebenfalls als wohltuende Entspannung empfinde. Die schlimmste Übung ist die ruhende Taubenstellung. Ich habe gar nicht das Gefühl, überhaupt die Stellung einnehmen zu können. Als ich mich doch irgendwie rein gequält habe, leide ich und höre Bharat zählen. Er läuft herum und korrigiert und drückt einen noch mehr nach vorn, was die Dehnungsschmerzen potenziert. Als er uns endlich erlöst, fällt mein Mann einfach unkontrolliert und hilflos zur Seite um, was mich dann doch zum Lachen bringt, so fertig wie er wirkt. Ich quäle mich mühsam aus der Position heraus, nur um mich dann mit dem anderen Bein vorn wieder hineinzuquälen. Das macht keinen Spaß! Wie kann diese Yogastellung nur „ruhende Taube“ genannt werden? Sie müsste eher „sterbende Grille mit ausgerissenem Bein“ heißen. Dann wüsste man wenigstens was einen erwartet.

Immerhin ist es durch das Leiden nicht möglich, an etwas anderes zu denken. Nach der Stunde bin ich froh, dass es vorbei ist. Irgendjemand trifft den Vergleich mit Geburtsschmerzen. Diesen finde ich gänzlich unpassend, weil Geburtsschmerzen a) schlimmer sind und b) wird man danach durch die Glückshormonausschüttung und natürlich das Baby belohnt, beides fehlt hier völlig. Wahrscheinlich leide ich einfach noch nicht genug und schütte deswegen keine Glückshormone aus. Zumindest stimmt mir mein Mann jetzt zu und ich bin doch kein Jammerlappen mehr in seinen Augen. Ich rechne ihm hoch an, dass er mich begleitet. Denn er ist in unserer Gruppe der einzige Mann. Wenn er nicht mitkäme, würde ich mich, glaube ich, nicht aufraffen.

Nach der dritten Stunde ist es immer noch genauso schlimm wie am Anfang und da wir das Gefühl haben keine Fortschritte zu machen, beschließen wir Bharat für private Stunden bei uns zu Hause zu buchen. Somit können wir jetzt zweimal die Woche gemeinsam leiden. Das muss doch dann etwas bringen.


Irgendwo hab ich folgenden Spruch gelesen: „You’re not getting old you just need to stretch.“ Das ist jetzt mein Motto für‘s Yoga.


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