Zeitreise Weihnachten
- Kerstin Tscherpel
- 30. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Weihnachten ist für mich das Familienfest schlechthin. Jedes Jahr zu Weihnachten zieht es mich zum Leidwesen meines Mannes nach Deutschland zu meinen Eltern. Ich bin wohl doch nostalgischer, als ich mir selbst eingestehen möchte.
Allein schon mein Elternhaus, in dem sich außer den Möbeln nicht viel verändert hat, triggert meine Kindheitserinnerungen. Und auch wenn diese nicht nur positiv waren, lösen sie doch ein Gefühl von Geborgenheit aus. Da ist unser Wohnzimmer, in dem die Pendeluhr hängt, die laut tickt und irgendwie doch immer die falsche Uhrzeit anzeigt. Dann die warme Ofenbank, auf der meine Mama immer sitzt und für jeden sein neues Paar Weihnachtssocken strickt. Der Esstisch mit der Eckbank, an dem wir zusammen Schafkopf spielen und wo es oft heiß hergeht. Und natürlich der Christbaum, der jetzt draußen auf der Terrasse steht, damit man auch im Wohnzimmer Blinde Kuh spielen kann. Das liebt mein Jüngster besonders.
Der uralte Fernseher mit der Fernsehzeitschrift, in der man das Programm studiert und sich über die Werbeeinblendungen ärgert. Es läuft der Komödienstadl, der bayrische Volkstheater-Stücke zeigt. Hier erlebe ich herrliche bayrische Mundart. Nachmittags gibt es den guten alten Filterkaffee und selbstgebackenen Christstollen. Und weil man gefühlt den ganzen Tag am Essen ist, hat man spätestens am zweiten Weihnachtstag den Eindruck, selbst eine Mastgans zu sein. Die Küche, in der meine Mama die leckeren Plätzchen und die Weihnachtsente zubereitet und die irgendwie immer im Chaos versinkt, während im Radio alte Schlager laufen.
Meine Eltern halten an alten Traditionen fest, und das genieße ich jetzt, wo ich im Ausland lebe, umso mehr. Das erstreckt sich auch auf die Haushaltsgeräte. In jedem Stockwerk steht ein alter Staubsauger von Vorwerk. Das sind diese Geräte, die schwer, unhandlich und laut sind, aber in den 80er-Jahren natürlich topmodern waren. Als ich beim Saugen anmerke, dass es doch heute modernere und komfortablere Geräte gäbe, wird das nur weggewischt. Schließlich handle es sich um einen Vorwerk! Offensichtlich sind diese Geräte gegen 50 Jahre Staubsaugerinnovation immun. Meine Mama erzählt mir sogar, dass man bei diesen Geräten das Gebläse so umkehren könne, dass man damit eine Trockenhaube betreiben könne. Irgendwie drängt sich mir dabei die unrealistische Vorstellung von lauter Staubflusen im Haar vor mein inneres Auge. Wer benutzt überhaupt noch so etwas wie eine Trockenhaube? Es fühlt sich an wie eine Zeitreise.
Zwischen all dem Essen und den Schlager-Klängen hoffe ich wie jedes Jahr auf Schnee an Weihnachten. Auch wenn das erfahrungsgemäß sehr unrealistisch ist. Aber dieses Jahr scheint mein Wunsch gehört worden zu sein. Am Weihnachtstag fällt tatsächlich Schnee. Nicht besonders viel, aber die weißen Flocken schweben vom Himmel und bedecken alles unter einer fragilen weißen Schicht.

Am nächsten Tag reicht der Schnee sogar aus, dass unser Jüngster einen nahe gelegenen Hügel hinunterschlittern kann. Der Wind ist eisig, unsere Wangen rot, und es ist ein Heidenspaß.
Wir genießen Käse und Wurst auf gutem Bauernbrot und Räucherlachs. Alles Dinge, die wir uns in Delhi nur selten gönnen, weil sie dort als Importprodukte unverschämt teuer sind. Daher gehen wir einkaufen, um unsere Vorräte in Delhi zu befüllen. Mein Mann kauft Schwarzwälder Rauchschinken, den er wie pures Gold hortet.
Während ich das schreibe, wird mir klar, dass ich in Delhi nie Weihnachten so erleben kann. Auch wenn ich mich noch so bemühe und künstliche Christbäume schmücke und Plätzchen backe. Die Frage ist nur, wie ich das meinem Mann verkaufe.


Kommentare