Der Nehru Place - und die Sache mit dem NEIN
- Kerstin Tscherpel
- vor 1 Tag
- 3 Min. Lesezeit
Eine der ersten Begegnungen mit indischer Kommunikation war auch eine derjenigen, die am längsten brauchte, um sie in Worte fassen zu können. Kommt mit mir auf den Nehru Place. Den Ort, der hier in Delhi als IT-Bedarfs-Zentrum bekannt ist und wo man prinzipiell alles bekommt, was mit IT zu tun hat. Dort haben wir z.B. den Highendcomputer für meinen Sohn gekauft und gleich vor Ort aufrüsten lassen.

Jetzt benötigt mein Mann für seine Arbeit einen Drucker. Er hat eine ganz konkrete Vorstellung und recherchiert im Internet, wo er das entsprechende Gerät bekommt. Ein Händler am Nehru Place führt seinen Wunschdrucker laut Webseite im Sortiment. Um auf Nummer sicher zu gehen, ruft mein Mann dort an. Ein kleiner Auszug aus dem Gespräch, das später noch Bedeutung erlangen wird:
Mein Mann: Do you have the printer XY?
Mitarbeiter: No, sir!
Mein Mann, irritiert: But I see it on your webpage!?
Mitarbeiter: Yes, sir!
Mein Mann: Ok, then I’ll come and pick it up.
Mitarbeiter: Ok, sir.
Also machen wir uns mit unserem Fahrer auf den Weg zum Nehru Place, um den Drucker abzuholen.
Der Nehru Place ist ein großer Platz, umgeben von immer gleich aussehenden Gebäudekomplexen. In der Mitte auf festgestampfter Erde bieten Straßenhändler ihre Waren feil. Von Kleidung über Handyhüllen findet man hier alles. Bettelnde Kinder bedrängen die geschäftigen Passanten, die genau zu wissen scheinen, wohin sie müssen. Wir dagegen haben zwar eine Adresse, doch da an den Gebäuden keine Hausnummern zu sehen sind – und sich mir das Konzept von Hausnummern in Indien bis heute nicht wirklich logisch erschlossen hat – ist das wenig hilfreich. Wir irren verunsichert über den Platz, bis mein Mann einen Passanten fragt, der uns schließlich zu einem der Gebäude verweist.
Wir betreten das Haus und wenn ich vorher nicht schon verstört gewesen wäre, bin ich es spätestens jetzt. Über ein Treppenhaus, in dem Kabel lose herumhängen und braune Flecken an den Wänden unwillkürlich an altes Blut erinnern, erklimmen wir Stockwerk um Stockwerk. Es ist heiß, laut und chaotisch. Auf jeder Etage gehen unzählige Räume ab, die ich kaum mit Geschäften in Verbindung bringen kann. Manche sind mit Blechjalousien verschlossen und spätestens jetzt habe ich die irrationale Angst, man könnte in einem dieser Räume unfreiwillig seiner Organe entledigt werden. Ich rede mir ein, dass diese Vorstellung unrealistisch ist, meiner Fantasie entspringt und der Tatsache geschuldet ist, dass ich zu viele schlechte Filme gesehen habe. Trotzdem bleibt ein beklemmendes Gefühl.
Schließlich erreichen wir das besagte Stockwerk und stehen vor einem winzigen Raum, der so vollgestopft mit Schreibtischen, Menschen und Ware ist, dass wir ihn kaum betreten können. Die Mitarbeiter schauen uns überrascht an und ich habe sofort den Eindruck, dass dieses Geschäft gar nicht auf Kundschaft eingestellt ist. Mein Mann erklärt sein Anliegen: Er sei gekommen, um den Drucker abzuholen. Irritierte Blicke, leises Murmeln. Er betont, dass er extra angerufen habe. Nun bricht leichte Panik aus. Ein Mitarbeiter verschwindet nach hinten, kommt kurz darauf zurück und erklärt betreten, dass sie das Gerät nicht da hätten.
Mein Mann reagiert konsterniert. Er habe doch extra nachgefragt. Die Mitarbeiter entschuldigen sich unterwürfig. Unverrichteter Dinge verlassen wir das Schreckensgebäude und machen uns auf den Heimweg.
Als ich diese Geschichte am nächsten Tag in der Schule erzähle, wird sie nur mit dem Kommentar quittiert:
„Ja, weißt du denn nicht, dass Inder nicht Nein sagen können?“
Fairerweise muss man erwähnen, dass der Mitarbeiter sogar Nein gesagt hat. Nur auf die penetrante Nachfrage meines Mannes ist er eingeknickt. Sicherlich war er ebenso überrascht wie wir, als wir plötzlich in seinem Büro standen, um einen Drucker abzuholen, den es nie gegeben hat.
Die deutsche Direktheit, die wir als selbstverständlich ansehen, wäre für ihn das Unhöflichste, was sich in einem Geschäft vorstellen lässt. Wir suchen nach einem Drucker, der nicht existiert. Er sucht nach einem Weg, uns nicht zu enttäuschen. Am Ende finden wir beide genau das, was es hier besonders oft gibt: ein Missverständnis, das aufgrund der kulturellen Unterschiede wohl nicht zu vermeiden war.
Am Ende hat mein Mann den Drucker einfach online bestellt. Wir hatten das vermieden, weil wir nicht glaubten, dass das in Indien zuverlässig klappt. Aber die Bestellung verlief problemlos. Somit hat uns der Nehru Place gleich zwei Dinge gelehrt: dass Inder tatsächlich Probleme damit haben, Nein zu sagen. Und dass wir mehr Vorurteile im Gepäck mitgebracht haben, als wir uns selbst eingestehen wollten.








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