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Diwali 🪔

  • Autorenbild: Kerstin Tscherpel
    Kerstin Tscherpel
  • 29. Dez. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Wenn Delhi im Lichterglanz erstrahlt


Es beginnt schon Wochen vorher. Erst sind es nur vereinzelte Plakate mit Werbung für Juwelen und Festtagskleidung. Und dann, Anfang Oktober, hat man das Gefühl, ganz Delhi sei eine einzige riesige Einkaufsaufforderung. Sogar Ferrero Rocher nutzt das Lichterfest, um seine goldenen Schokokugeln anzupreisen.

Die Stimmung ist voller Vorfreude. Ein bisschen wie bei uns in der Adventszeit. Auch die Geschäftigkeit ist ähnlich. Denn jeder will seinen Liebsten mit Geschenken eine Freude machen.

Und so ist ganz Delhi unterwegs und die Straßen quellen über. Um von A nach B zu kommen, braucht man ewig.


Jeder überreicht Geschenkboxen. Die erste haben wir zu Diwali von unseren Vermietern geschenkt bekommen. Da war ich ganz gerührt und habe mich schlecht gefühlt, weil ich keine Geschenkbox im Gegenzug hatte. Diese wunderschön verpackten Schachteln voller Süßigkeiten und Nüsse sind so kunstvoll verziert, dass man sie gar nicht öffnen möchte. Also habe ich mich an der Box erfreut und als ich sie dann vier Wochen später geöffnet habe, hatten die Süßigkeiten lange Haare bekommen, die sie offensichtlich als ungenießbar gekennzeichnet haben. Das passiert mir jetzt nicht mehr. Jetzt öffne ich die Boxen schnell, denn in ihnen verstecken sich diese kleinen, klebrig-süßen Köstlichkeiten, von denen man nie genau weiß, was drin ist, aber die irgendwie alle nach Kardamom und Ghee schmecken. Nach einer Kugel habe ich bereits das Gefühl, einen Zuckerschock zu bekommen und die Insulinausschüttung meines Körpers zu überfordern. Daher sollte man die Boxen immer zusammen mit mehreren öffnen, dann verteilt sich die Insulinlast.


Genauso wie die Süßigkeiten meine Insulinausschüttung fordern, fordert der Diwali Monat unser Budget. Diwali ist ein teurer Monat. Selbst für uns – und das, obwohl wir ja nicht allen Lieben Geschenke machen müssen. An Diwali bekommen die Angestellten ihr dreizehntes Monatsgehalt ausgezahlt. Auch wenn die Gehälter in Delhi im Vergleich zu Deutschland überschaubar sind, spürt man dieses Extragehalt deutlich. Die Wirtschaft boomt, die Kassen klingeln. Die Umsätze sind enorm – wie bei uns zu Weihnachten.


Und dann, parallel zu all den Einkaufsaufforderungen, verwandelt sich die Stadt.

Überall, wo man hingeht, hört man es: „Happy Diwali!” Aus jedem Laden, von jedem Wachmann – die Stadt ist ein einziger fröhlicher Gruß.

Und die Lichter. Ganze Häuserfassaden leuchten plötzlich auf, als hätte jemand ganz Delhi mit Lichterketten umwickelt. Bunte, blinkende, flackernde Lichterketten erhellen ganze Straßenzüge. Es ist überwältigend. Es ist wunderschön.

Lichterketten über einer Straße in Delhi an Diwali
Lichterketten über einer Straße in Delhi an Diwali

Die Haustüren stehen offen. Wirklich offen. Damit das Glück hereinkommen kann, erklärt mir eine Freundin, und für alle Fälle weisen kleine, bunte Fußaufkleber, Lakshmi-Charan, dem Glück noch den Weg. Ich mag diesen Brauch. Diese Vorstellung, dem Glück den Weg zu weisen, damit es einen auch ja nicht vergisst.


Das Fest ist in ein kleines und ein großes Diwali unterteilt, und an diesen Tagen tauchen an den Hauseingängen farbenprächtigen Rangoli-Muster auf. In unserem Treppenhaus streuen die Mädels unserer Nachbarn kunstvoll Bilder aus buntem Sand – vergängliche Kunstwerke direkt auf den Boden des Treppenhauses. Blumen, geometrische Muster, manchmal sogar ein Pfau. Ich stehe davor und denke, das muss ich nächstes Jahr auch mal versuchen.

Rangoli - buntes Sandbild mit Blüten
Rangoli - buntes Sandbild mit Blüten

In Delhi, dieser Stadt, die niemals stillsteht, haben am Diwali-Tag die Geschäfte einen halben Tag zu. Einen halben Tag! Die Familie kommt zusammen, man isst, man feiert, und dann, wenn es dunkel wird, beginnt das Feuerwerk. Und was für eins. Es ist wie Silvester und Weihnachten zusammen. Der Himmel explodiert in Farben, die Luft riecht nach Rauch und Schwefel, und irgendwo dazwischen liegt die Bedeutung: der Sieg des Lichts über die Dunkelheit, des Guten über das Böse.


Ich stehe auf unserer Dachterrasse, schaue auf die funkelnde Stadt unter mir, höre das Krachen und Zischen der Raketen, und denke: Vielleicht brauchen wir alle manchmal so ein Fest. Eins, das einfach sagt: Wir feiern. Wir schenken. Wir machen Licht. Wir glauben daran, dass das Gute gewinnt. Und ja, wir machen dabei richtig viel Krach – zumindest für diese eine Nacht.


Und das Glück? Das sitzt vermutlich irgendwo in einem der offenen Treppenhäuser, folgt den bunten Fußspuren und schaut vielleicht auch bei uns vorbei. Die Türe habe ich auf jeden Fall schon mal offen stehen gelassen.


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