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Masala, mein Gewürz fürs Leben?

  • Autorenbild: Kerstin Tscherpel
    Kerstin Tscherpel
  • vor 2 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Indisches Essen hat mich eigentlich nie gereizt. Während ich schon immer ein Fan der thailändischen Küche war, ist mir indisches Essen lange kaum im Gedächtnis geblieben. Einmal war ich mit einer Freundin in einem indischen Restaurant – und ich kann mich heute kaum noch daran erinnern, was wir dort gegessen haben.


Nun hat es uns aber nicht nach Thailand, sondern nach Indien verschlagen. Und da wir inzwischen schon eine ganze Weile in Delhi leben, bin ich natürlich mit der indischen Küche konfrontiert. Allerdings weit weniger, als man vermuten würde. In Delhi selbst essen wir kaum indisch. Zu Hause kochen wir wie immer – überwiegend deutsch oder italienische Pasta – und wenn wir nicht kochen, bestellen wir über Zomato. Auch dort bevorzugen wir klar kontinentale Küche oder asiatische Wokgerichte. Indisch bestellen wir eigentlich nur, wenn Gäste aus Deutschland zu Besuch sind.


Tatsächlich war ich, glaube ich, noch nie in einem indischen Restaurant in Delhi. Jetzt, wo ich das so schreibe, ist mir das fast ein bisschen peinlich. Ganz ohne Kontakt mit der indischen Küche bin ich natürlich trotzdem nicht geblieben – freiwillig und unfreiwillig.


Unser erster bewusster Kontakt mit indischem Essen fand im Leela Hotel statt, wo wir unsere Anfangszeit verbrachten. Am Buffet konnte ich vorsichtig probieren und erinnere mich noch gut daran, dass uns das Butter Naan sofort zugesagt hat. Dort überraschte uns auch ein Kellner mit Pani Puri. Mein Mann hat dieses Erlebnis auf Video festgehalten. Ich weiß noch, wie überfordert ich mit den vielen Geschmackseindrücken auf einmal war – und am Ende war es natürlich im Abgang scharf.

Mein erster Pani Puri Geschmackseindruck
Mein erster Pani Puri Geschmackseindruck

Auf unseren ersten Reisen durch Rajasthan und in den Himalaya war indisches Essen dann unausweichlich. Reis und Dal standen praktisch immer auf dem Tisch. Manchmal ergänzt durch frische Zwiebeln, Gurken und Möhren als Salat, und wenn wir Glück hatten, gab es Joghurt dazu. Joghurt ist ohnehin das beste Mittel, um die Schärfe abzumildern.


Wenn wir den Luxus hatten, was bestellen zu können, lernten sogar die Kinder schnell, dass der Satz: „Not spicy, please.“ überlebensnotwendig ist. Allerdings ist das indische not spicy oft trotzdem ziemlich scharf. Ich frag mich wie scharf dann spicy wäre?


Mein Mann erzählt immer, dass er auf dem Land im Himalaya einmal so scharfes Essen serviert bekam, dass er nicht mal mehr schmecken konnte, was er da eigentlich gerade aß. Ob Kartoffel oder Möhre, alles war wie Feuer im Mund. Als ihn der Kellner erwartungsvoll anschaut, ist er keiner Antwort fähig. Mit Tränen in den Augen bestellt er sich verzweifelt etwas Brot dazu.


Später hatten wir einen Koch, der uns sehr behutsam an die indische Küche herangeführt hat. Butter Chicken gehörte zu den Gerichten, die er ausgesprochen „wessifreundlich” und mild zubereitete – und die wir deshalb auch wirklich mochten.


Ein weiteres Lieblingsgericht wurde Biryani: ein geschichtetes Reisgericht mit Fleisch und vielen Gewürzen, serviert mit einer kalten Joghurt-Minzsoße, der sogenannten Raita. Dieses Gericht bestelle ich mir bis heute gern.


Auch das Thali hat es mir angetan. Eine große Platte, auf der in kleinen Schälchen viele unterschiedliche Speisen serviert werden. Das begeistert mich, weil ich neugierig bin und gern vieles probiere. Meist gibt es Reis mit Dal, dazu Gemüse – oft mit Kartoffeln, aber auch mit Möhren oder Blumenkohl. Die Kombination von Reis und Kartoffeln fand ich anfangs seltsam, da beides in Deutschland klassische Beilagen sind. Daneben eingelegtes Gemüse, zum Beispiel Bittergurken. Sie gelten als sehr gesund, aber ihre Bitterkeit macht es mir bis heute schwer, sie zu essen. Dazu gibt es Chapatti, indisches Fladenbrot, und etwas Süßes – denn jede Geschmacksrichtung soll abgedeckt sein. So sieht es die ayurvedische Gesundheitslehre vor.


Bittergurken auf dem Markt
Bittergurken auf dem Markt

Durch das Schulessen bin ich mit weiteren indischen Gerichten in Kontakt gekommen, die ich mittlerweile sehr gerne mag. Das Essen dort ist mild gewürzt und eignet sich deshalb hervorragend als Einstieg in die indische Küche. Man darf dann nur nicht überrascht sein, wenn die Version desselben Gerichts auf Zomato deutlich schärfer ausfällt.

Eines dieser Gerichte ist Pav Bhaji: ein Gemüsecurry, serviert mit leicht süßlich schmeckenden, weichen Brötchen.


Natürlich gab es auch sehr unangenehme Konfrontationen. Einmal, bei einem indischen Kochevent der Schule, gab es zum Abschluss Paan als Atemerfrischer. Das ist ein grünes Betelblatt mit Gewürzfüllung wie Anissamen. Da das Ganze so schön grün und gesund aussah, habe ich mir voller Vorfreude das komplette Blattpäckchen auf einmal in den Mund geschoben. Ich kaute und kaute. Die Masse wurde immer mehr, der Geschmack unbeschreiblich, und irgendwann hatte ich das Gefühl, dass mein Speichel nicht ausreichen würde. Ich habe es nicht über mich gebracht, meinen Mundinhalt herunterzuschlucken.


Trotzdem habe ich inzwischen eine ganze Liste an indischen Gerichten, die ich wirklich mag. Dazu zählen Palak Paneer, ein Spinatgericht mit einem speziellen indischen Frischkäse, Sambar, eine würzige Suppe, und sogar die ziemlich scharfen Samosas, die als frittierte, gefüllte Teigtaschen eher dem Streetfood zuzuordnen sind.


Obwohl wir insgesamt gar nicht so viel indisch essen, hat sich unser Geschmackssinn unerwartet doch angepasst. Nach mehr als vier Jahren in Indien kommt mir deutsches Essen oft erstaunlich ungewürzt vor. Vielleicht bin ich also doch schon „indisierter”, als ich dachte. Wer weiß – vielleicht fange ich demnächst an, alles mit Masala nachzuschärfen, so wie viele Inder es tun. Entsprechend steht dieses Gewürz auf praktisch jedem Restauranttisch in Indien – auch in der italienischen Pizzeria.


Und weil ich der Sache mit der Schärfe auf den Grund gehen wollte, habe ich etwas nachgeforscht. Die Schärfe hat hier nämlich eine ganz praktische Funktion: Bei warmen Temperaturen vermehren sich Bakterien schneller, und Capsaicin – das, was wir als Schärfe wahrnehmen – bekommt ihnen nicht besonders gut. So erklärt sich auch, warum Indien weltweit den höchsten Chiliverbrauch hat. Zum Glück wachsen Chilis hier so gut, dass das Masala wohl nie knapp werden wird.


Säckeweise Masala
Säckeweise Masala

Indisches Essen gehört für mich noch immer nicht zur Selbstverständlichkeit. Es bleibt etwas, das ich gezielt auswähle. Und doch merke ich, wie sich etwas verschoben hat. Vielleicht ist das der eigentliche Effekt des Lebens in Indien: Man wird verändert, ob man will oder nicht. Und am Ende fehlt einem das Masala nicht nur im Essen, sondern im Leben.

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