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Alt ist man, wenn man eine Lesebrille kauft.

Autorenbild: Kerstin Tscherpel
Kerstin Tscherpel
vor 6 Stunden
2 Min. Lesezeit

Gelegentlich habe ich den Eindruck, ganz kleine Dinge nicht mehr gut sehen zu können. Ich strenge meine Augen an, aber trotzdem sehe ich nicht wirklich scharf. Das fällt mir zum Beispiel beim Häkeln auf oder wenn ich meinem kleinen Sohn die Fußnägel schneide.


Bislang hat es aufgrund meiner Kurzsichtigkeit immer ausgereicht, einfach meine Brille abzunehmen. Aber jetzt bin ich ja 50, und für ganz kleine Dinge reicht selbst das Absetzen der Brille offenbar nicht mehr aus.


Also bin ich zum Optiker, um mir eine Lesebrille machen zu lassen.


Ich habe mir einen modernen Optiker auf dem Priya Market ausgesucht. Dort werde ich nach oben in einen kleinen Nebenraum geführt, um meine Sehfähigkeit zu testen.


Zuerst mache ich den klassischen Test auf Kurzsichtigkeit, wie ich ihn aus Deutschland kenne. Der Heißluftballon, der sich von alleine scharf stellt, und dann die Buchstaben, die ich auf Englisch vorlesen soll.


Ich betone, dass ich mit meiner Brille für die Distanz zufrieden bin und eigentlich nur eine Lesebrille brauche. Er meint, er würde mir eine für beides machen, was ich aber ablehne.


Endlich bekomme ich das Büchlein für den Lesetest in die Hand gedrückt. Auf einer Seite sind kurze Textabschnitte in unterschiedlichen Schriftgrößen abgebildet. Die kleinste ist mit dem Alter „40 plus“ gekennzeichnet und … ich kann sie problemlos lesen!


Das irritiert mich.


Ich betone, dass ich mir ziemlich sicher sei, eine Lesebrille zu brauchen, und frage, ob er keinen Text in noch kleinerer Schrift hätte.


Er schaut mich etwas verstört an und setzt mir eine Brille auf, in die er verschiedene Gläser einsetzt. Immer wieder fragt er mich, ob ich den Text jetzt besser lesen könne.


Nach wie vor kann ich den kleinsten Text problemlos lesen und bin inzwischen doch etwas verunsichert, ob mein Unterfangen überhaupt so viel Sinn macht.


Trotzdem will ich nicht unverrichteter Dinge wieder gehen.


Also suche ich ein annehmbares Brillengestell aus und gebe die Lesebrille in Auftrag. Für schlappe 75 Euro kann ich sie am nächsten Tag abholen.


Nun sehe ich die kleinen Dinge damit tatsächlich schärfer – allerdings nur, wenn sich das Objekt in einem ganz bestimmten Abstand befindet.


Das kompliziert die Sache mit den Fußnägeln. Vor allem, wenn ich meine eigenen schneiden möchte.


Denn der ideale Abstand liegt ungefähr bei 20 bis 30 Zentimetern. Leider bin ich trotz meiner sporadischen Yogaeinheiten nicht in der Lage, mein Gesicht so nah an meine Füße zu bringen und mir dabei auch noch die Nägel zu schneiden.


Zum Glück ist Pediküre hier so günstig.


Vielleicht erleichtert mir die Brille wenigstens das Häkeln.


Das kann ich zwar nicht wirklich und eigentlich bin ich auch überhaupt nicht der Handarbeitstyp. Aber irgendwie dachte ich, dass man im Alter ja wenigstens eine handwerkliche Kompetenz entwickeln sollte.


Meine Mama zum Beispiel strickt immer Wollsocken für alle Familienmitglieder zu Weihnachten.

So könnte ich wenigstens Topflappen häkeln.

Aber irgendwie schaffe ich es nicht, dass die gerade werden, und ich bezweifle auch, dass das die Lesebrille besser macht.


Vielleicht sollte ich einfach Seife machen.

Das kann ich wenigstens. Sogar ohne Lesebrille.


Betrachtet man es also nüchtern, habe ich 75 Euro für eine Lesebrille ausgegeben, für die ich jetzt erst einmal eine passende Beschäftigung finden muss.


Und dabei wollte ich doch nur mein Alter akzeptieren.

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