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Blau in Blau - die Malediven

Autorenbild: Kerstin Tscherpel
Kerstin Tscherpel
vor 8 Stunden
6 Min. Lesezeit

Wir reisen in die Inselwelt fernab im Indischen Ozean. Winzige grüne Inseln mitten in einem riesigen blauen Meer. Irgendwie unheimlich, so wenig Land und so viel Wasser. Die Malediven sind nur flache Sanderhebungen, die kaum ein paar Meter aus dem türkisblauen Wasser ragen. Wie ausgeliefert ist man hier bei einem Sturm, wenn haushohe Wellen die Insel zu verschlingen drohen?


Doch den eigentlichen Schutz sieht man zuerst nicht. Er befindet sich unter Wasser und ist zugleich der größte Schatz der Malediven: die Korallenriffe. Sie brechen die Wellen und nehmen ihnen einen großen Teil ihrer Kraft, sodass das offene Meer am Strand oft nur noch als sanftes Rauschen ankommt.


Bei der Überfahrt sehe ich eine Delfinschule. Und ich bin mir sicher, beim Landeanflug einen Manta gesehen zu haben, auch wenn ich mich inzwischen frage, ob ich das geträumt habe.


Wir kommen zur Abenddämmerung an. Alles ist in pastelliges Hellblau getaucht. Als wären Gott die übrigen Farben ausgegangen und er hätte das schönste Blau für die Inseln aufgehoben. Die Wolken hängen viel zu niedrig am Himmel. Wie ein Wolkenmobile über einem Babybett bauschen sie sich weiß über dem Meer.


Freunde haben uns Ukulhas empfohlen und gleich vor der tropischen Sonne gewarnt. Mit Sonnenschutzkleidung und Sonnencreme wagen wir uns auf unseren ersten Ausflug: eine Walhai-Tour.


In der Hotellounge warten Russen, Franzosen und Chinesen. Schnell werden die unterschiedlichen Sonnenschutzstrategien deutlich. Wir schmieren uns akribisch ein und tragen lange Kleidung. Aber das ist nichts gegen die Strategie der Chinesen. In Ganzkörper-Sonnenschutzanzügen mit Maske und Strumpfhosen wird jeder freie Quadratzentimeter Haut in mehreren Schichten eingecremt. Am Ende folgen farbige Stifte in Blau, Rosa und Gelb, die im Gesicht wie Kriegsbemalung verteilt werden. Weil ich die Prozedur so gebannt verfolge, wird mir der Sonnenschutzstift auch gleich angeboten.


Die Russen handhaben das Sonnenschutzprogramm eher spartanisch und sehen daher stellenweise bereits ungesund gerötet aus.


Wir fahren zum Baa-Atoll, wo laut Guide Walhaie gesichtet wurden. So gern ich einen sehen würde, habe ich doch ein mulmiges Gefühl, weil er so groß ist.


Auf einmal wird es hektisch. Über Funk erfährt die Crew, wo sich einer aufhält. Wir ziehen Flossen und Schnorchelbrillen an. „Jump, Jump!" Aber bevor alle im Wasser sind, ruft der Guide schon: „Out, out!"


Der Walhai ist schon in tieferes Wasser verschwunden.


Ein Stück weiter wieder: „Jump, Jump!" Ich fühle mich gestresst, weil ich nicht weiß, was mich erwartet.


Als eine der Letzten lasse ich mich ins Wasser fallen.


Und da ist er. Direkt unter mir gleitet das gewaltige Tier vorbei, und meine Angst ist schlagartig weg. Ich bin nur noch fasziniert und begleite ihn ein kurzes Stück, bis er in die Tiefe abtaucht.


Es wirkt auf mich, als wäre er von unserer Aufmerksamkeit weniger begeistert als wir von ihm. Froh über das Erlebnis bin ich dennoch.


Auf Ukulhas kommt man alle hundert Meter an einer Baustelle vorbei. Mehrstöckige, unfertige Hotels ragen aus dem Inselgrün heraus. Ob das dem Gesamtbild zuträglich ist, bezweifle ich. Zumindest entspricht es nicht meinem ästhetischen Empfinden.


Der westliche Teil der Insel wird gerade erweitert. Wo auf Google Maps noch Meer ist, spaziert man jetzt über frisch aufgeschüttetes Brachland. Doch der Platz bleibt begrenzt, rundherum ist schließlich Wasser.


Autos gibt es nur eine Handvoll, stattdessen surren Elektromobile wie auf Golfplätzen über die Sandwege. Das Familienvehikel ist ein Moped. Dabei ist man zu Fuß in fünfzehn Minuten von einem Ende der Insel zum anderen spaziert.


Der Muezzin ruft, und Schilder weisen Touristen auf angemessene Kleidung hin: Frauen sollen Schultern und Knie bedeckt halten. Das ist im Vergleich immer noch freizügig. Viele maledivische Frauen tragen schwarze Kopftücher und lange, dünne Mäntel. Die Männer sind in T-Shirt und Hose unterwegs, viele mit Bart.


Diese Verhüllung finde ich zuerst befremdlich. Meine Tochter fragt, ab welchem Alter die Mädchen ein Kopftuch tragen müssen. Ich weiß es nicht. Vielleicht gehört es für viele selbstverständlich zu ihrer Kultur. Obwohl ich neugierig bin, traue ich mich nicht, die Frauen danach zu fragen.


Alle Einheimischen, mit denen wir in Kontakt kommen, sind sehr freundlich und offen.


Auf der Suche nach einem klimatisierten Café betreten wir einen winzigen Shop mit drei Tischen. Es gibt Seemandelkuchen und wahnsinnige Espressokombinationen, zum Beispiel mit Passionsfrucht.


Während wir Kuchen essen, kommt die sechsjährige Tochter des Besitzers von der Schule nach Hause. Sie betrachtet uns neugierig durch ihre Brille. Wir grüßen. Daraufhin teilt sie uns naseweis mit, dass das ihr Café sei. Das amüsiert uns alle, auch den Vater.


Sie setzt sich zu uns und fragt in ausgesprochen gutem Englisch, ob es in Deutschland kalt sei. Als wir das bejahen, sagt sie mitfühlend: „Yes, I thought that, because of your grey eyes."

Ich bin baff. Unsere hellen Augen verbindet sie offenbar mit einem kalten Heimatland. Ob sie sich das durch den Kontakt mit Touristen selbst erschlossen hat?


Sie freundet sich mit unserer Tochter an und zeigt ihr stolz ihr pinkes Fahrrad mit Korb am Lenker. Es ähnelt dem früheren Kinderfahrrad unserer Tochter. Und das, obwohl die beiden so weit voneinander entfernt aufgewachsen sind.


Wir schlendern weiter durchs Dorf und studieren die Speisekarten. Auf allen steht ungefähr dasselbe, und natürlich gibt es viel Fisch. Schon zum Frühstück probiere ich Mas Huni, einen Thunfisch-Kokos-Salat mit Fladenbrot. Bei uns kommt noch ein Spiegelei dazu. Das schmeckt überraschend gut.


Mittags wage ich mich an Kottu Roshi, das ich auf Sri Lanka nie probiert habe, weil es wie ein undefinierbarer brauner Haufen aussieht. Natürlich mit Spiegelei obendrauf. Und obwohl es nicht lecker aussieht, schmeckt es lecker.


Abends wird im Hafen der Fang entladen, vermessen und gewogen. In der offenen Fischküche werden die Fische ausgenommen. Die Reste landen direkt im Hafenbecken.


Das führt allabendlich zu einem Touristenspektakel: Riesige schwarze Rochen und mehrere Ammenhaie kommen ins flache Wasser und streiten sich um die besten Stücke.


Anderswo trocknen große Fischstücke auf Holzgestellen in der Sonne. Ein mächtiger Schwertfisch wird auf einem Karren durchs Dorf geschoben. Das gibt dem „Catch of the Day" auf jeder Karte noch einmal eine ganz andere Dimension.


Im Schatten der Bäume sitzen Männer um Bretter mit ungewöhnlichen Figuren. „Chess", bestätigt uns einer. Jeweils zwei spielen, die anderen schauen zu. Die Figuren werden so schnell bewegt, dass ich Mühe habe, den Zügen zu folgen. Nur die Bauern sind klar erkennbar. Sie werden mit solcher Vehemenz aufs Brett gedonnert, als würde das den Sieg garantieren.


Um einen Laden zu betreten, muss man erst die Ansammlung Flip-Flops davor überwinden. Drinnen stoßen wir auf zigarrenförmige Gebilde, die wir für Räucherstäbchen halten. Bis uns der belustigte Inhaber erklärt, dass es eine inseltypische Süßigkeit aus Kokos und Honig ist.


Klar, denn für Schokolade ist es hier viel zu heiß.


Wir buchen noch einen Ausflug. Diesmal wollen wir Mantas sehen. Ich hoffe, dass es nicht so stressig wird wie bei den Walhaien.


Erneut fahren wir zum Baa-Atoll und ankern. Das Wasser ist dunkel und trübe. Unmengen an Plankton schweben darin, sodass es fast wie eine dickflüssige Suspension wirkt. Kein Wunder, dass die Mantas hier sind, bei so viel Futter.


Zunächst sieht man wenig. Doch dann ein großer dunkler Schatten. Mit geöffnetem Maul schwimmt ein Manta direkt auf mich zu. Erst staune ich, dann befürchte ich einen Zusammenstoß. Hektisch versuche ich auszuweichen und hebe den Kopf aus dem Wasser. Als würde das am Geschehen unter Wasser etwas ändern, außer dass ich es nicht mehr sehe.

Der Manta weicht elegant zur Seite aus, egal, wie unbeholfen ich herumzapple. Auf Nahrungssuche ziehen die Mantas große Kreise durch das suppige Wasser. Anders als die Walhaie verschwinden sie nicht gleich wieder in der Tiefe.

Andererseits schwimmen wir als große ungenießbare Brocken in ihrem Essen und stören sie wahrscheinlich doch auf die eine oder andere Weise.


Die Begegnung ist so schön, dass ich völlig geflasht bin.


Ein Stück weiter pausieren wir auf einer weißen Sandbank mitten im Meer. Die Szenerie ist surreal. Der Sand leuchtet so grell, dass es in den Augen schmerzt. Die Chinesinnen posen für instareife Drohnenvideos.


Unter dem Sonnenschirm komme ich mit einem unserer Begleiter ins Gespräch. Er ist aus Bangladesch und arbeitet seit ein paar Jahren hier. Auch andere Hotelangestellte kommen aus Sri Lanka, Indien und Nepal. Maledivern begegnen wir dagegen vor allem als Inhabern von Geschäften.


Der Sohn unseres Fahrers in Delhi hat ebenfalls so ein Arbeitsangebot bekommen. Ich denke an die jungen, etwas verunsichert wirkenden Männer in unserem Flieger. Ob auch sie zum Arbeiten hierhergekommen sind? Wissen sie, was sie erwartet?


Ob es ihnen auf den Malediven besser geht? Keine Ahnung. In den Restaurants zahlen wir etwas günstigere Preise als in Deutschland. Verglichen mit Delhi erscheint mir das Leben aber teuer. Überraschend ist das nicht, wenn außer Thunfisch und Kokosnüssen fast alles über das Meer hergebracht werden muss.


Wie es wohl ist, hier zu leben? Auf dieser Insel, die für mich so exotisch und fremd wirkt. Das Meer liefert Nahrung, bringt Touristen und Arbeit. Und es liegt als unüberwindliches Blau zwischen einem selbst und fast allem anderen.

Ich schaue auf den weiten Horizont und frage mich, ob mir die Welt auf Dauer hier nicht trotzdem ziemlich klein vorkäme.

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