Sri Lanka - die indische Schweiz
- Kerstin Tscherpel
- vor 12 Stunden
- 7 Min. Lesezeit
Sri Lanka das ehemalige Ceylon hat mich schon immer fasziniert. Wie exotisch klingt allein schon der Name „Ceylon”. Ein grünes Juwel im azurblauen Ozean südlich von Indien. In Delhi wird es unter den Expats als die indische Schweiz gehandelt und so abwegig ist der Vergleich gar nicht.
Nachdem wir den Flughafen in Colombo verlassen, fällt uns sofort auf, dass viel weniger Müll rumliegt und alles irgendwie geordneter erscheint. Die Fahrspuren werden eingehalten und auch das permanente Gehupe, das einen in Delhi begleitet, fehlt.
Wir fahren nach Tangalle an die Südspitze der Insel. Hier, abseits vom Touristenstrom, haben wir ein Homestay gebucht. Zur Begrüßung erhalten wir eine frische Kokosnuss. Zu meiner Irritation ist sie gelb und nicht grün wie in Delhi. Sie schmeckt auch etwas süßer. Es scheint die reifere Variante zu sein.
Am nächsten Morgen gehen wir im Lobster Pot, einem kleinen familiengeführten Restaurant, frühstücken. Es gibt Omelett, Toast und einen Pott Kaffee. Dieser stellt sich als dünner Brühkaffee heraus. Unser Koffeinbedürfnis, als verwöhnte Espressotrinker, wird dadurch nicht annähernd befriedigt. Aber dafür haben wir unsere Füße im Sand und genießen einen fantastischen Blick auf die kleine Bucht. Das versöhnt mich. Man kann eben nicht alles haben.
Gestärkt machen wir uns auf den Weg zum nahegelegenen Strand, dem Silent Beach.
Die anbrandenden Wellen sind so stark, dass das Meeresrauschen nichts Beruhigendes hat. Es ist ein eindringliches lautes Brausen, das einen ständig mahnt, wie gefährlich die See eigentlich ist. Ich frage mich, warum der Strand Silent Beach heißt, wo es doch so laut ist.

Die Abbruchkante zum Meer ist relativ steil und deutet auf kräftige Wellen mit starkem Rückzug hin. Kein Strand an dem man entspannt baden kann. Ich beschließe lieber draußen zu bleiben. Unser Kleiner ist dafür umso begeisterter bei der Vorstellung, sich dem Kampf gegen die Wellen zu stellen. An der Hand meines Mannes wirft er sich enthusiastisch in die Fluten. Ich sehe wie mein Mann den Griff um den Arm unseres Sohnes schraubstockartig verstärkt und gar nicht entspannt wirkt. Er versucht sowohl sich als auch unser Kind davor zu bewahren, von den Wellen mitgerissen zu werden. Während mein Sohn den Spaß seines Lebens hat, schließlich passt sein starker Vater ja auf ihn auf.
Das Szenario wird für meinen Mann zunehmend zur Zerreißprobe. Diese gipfelt darin, dass zwei ältere Damen die Wellen unterschätzen, von ihnen umgeworfen und ins Meer gezogen werden, wie in den Schlund eines großen Tieres. Sie schreien panisch nach Hilfe. Aber keiner kann sie hören, weil das Brausen des Meeres jeden Ton verschluckt. Nur mein Mann, der in direkter Nähe steht, bekommt das Unglück mit. Er schiebt unseren Sohn Richtung Ufer und reicht jeder der Damen eine Hand zur Rettung. Dankbar lassen sie sich ans sichere Ufer helfen.
Wir sind schockiert! Am Strand gibt es weder einen Lifeguard noch ein Schild, dass auf die Gefahr hinweist. Wäre mein Mann nicht zufällig zur Stelle gewesen, hätten sich die Damen sicher nicht alleine retten können. Später recherchieren wir und stellen fest, dass es an der Küste Sri Lankas immer wieder zu tödlichen Badeunfällen kommt. An diesem Strand baden wir sicher nicht mehr.
Am Abend machen wir uns auf den Weg in ein Hotel, in dem es gute Steinofenpizza geben soll. Das Hotel liegt auf einem Hügel. Wir fahren in einem Tuk Tuk, das nicht das neueste Modell zu sein scheint. Am Hügel nimmt die Geschwindigkeit immer mehr ab und ich befürchte schon, dass wir gleich stehen bleiben werden. Beherzt steigt mein Mann aus und schiebt das Tuk Tuk an, damit es den Hügel bewältigen kann. Der junge Tuk Tuk Fahrer äußert sich entschuldigend: „Very big mountain.” Das ist so absurd angesichts des Hügels, um den es geht, dass ich nur darüber lachen kann. So ist mein Mann an diesem Tag gleich zweimal ein Held.
Nach all der Aufregung brauchen wir erst mal etwas Entspannung. Wir buchen einen Shirodara, den ayurvedischen Stirnguss. Eine Dreiviertelstunde wird uns warmes Öl auf die Stirn gegossen. Während ich nach der Prozedur tiefenentspannt bin, benimmt sich mein Mann wie ein aufgezogenes Durazellhäschen. Er zappelt neben mir rum, während wir unseren Tee trinken. Das amüsiert und erstaunt mich zugleich - wie unterschiedlich dieselbe Therapie doch wirken kann.
Wir fahren an der Küste von der pittoresken Hafenstadt Galle nach Mirissa. Auf dem Weg sehen wir die aus dem Meer ragenden Stelzen der Stelzenfischer. Das muss ich mir näher anschauen. Im Schatten am Strand ruhen die Fischer in Hängematten. Für ein kleines Geld sind sie bereit, sich auf ihre Stelzen zu setzen und posieren für ein Foto. Tatsächlich angelt einer auch einen Fisch, der ihm aber sofort von einer Möwe geklaut wird. Aufgeregt schreiend umkreisen jetzt unzählige Möwen die Fischer und hoffen auf mehr. Was für ein Spektakel. Die Kunst scheint also nicht nur zu sein, einen Fisch zu angeln, sondern auch ihn gegen die frechen Möwen zu verteidigen.

Das Angeln auf diesen stelzenartigen Stöcken ist nicht die einzige kuriose Fischmethode hier in Sri Lanka. Die traditionellen Fischerboote sind so schmal gebaut, kaum zwei Handbreit breit, dass man überhaupt nicht darin sitzen kann. Hätten sie den Ausleger nicht, würden sie sofort umkippen. Trotzdem werden sie noch zur Fischerei genutzt. Ich frage mich, ob die Fischer darin stehen. Vielleicht sind sie so schmal gebaut, dass weniger Wasser in die Boote schwappt, weil der Wellengang vor Sri Lanka so stark ist. Erstaunlich wie anpassungsfähig der Mensch doch ist.
Mirissa ist berühmt für seine Meeresschildkröten und das Whale Watching.
Am Turtle Beach gehen wir mit einem örtlichen Anbieter schnorcheln. Direkt vom Strand aus geht es ins Wasser. Die Wellen sind kräftig, unser Guide zieht uns an einem Rettungsring in die kleine Bucht hinaus. Das Wasser ist flach. Vielleicht 2 bis 3 Meter tief. Wir schauen auf den Meeresgrund und da ist sie. Eine große Meeresschildkröte, die in aller Ruhe Seegras abweidet. Wie schön! Das Highlight ist das Auftauchen der Schildkröte. Sie ist so nah, dass ich ihr direkt in die Augen schaue. Was für ein Erlebnis. Wir sehen noch zwei weitere große grüne Meeresschildkröten, die den Trubel, der um sie herum stattfindet, zu ignorieren scheinen. Der Strand trägt seinen Namen also völlig zu Recht.

Auf Empfehlung buchen wir eine Whale Watching Tour bei einem nachhaltigen Anbieter, der mit der örtlichen Universität zusammenarbeitet. Vor Sonnenaufgang geht es los. Bei der Anmeldung bekommt jeder Passagier gleich prophylaktisch eine Tablette gegen Seekrankheit. Mir ist etwas mulmig zumute. Der indische Ozean gilt nicht als ruhiges Meer.
Wir fahren mit einem kleinen Boot auf den offenen Ozean hinaus. Die Wahrscheinlichkeit Wale zu sehen, ist in Mirissa hoch. Die Kontinentalschelfkante befindet sich nämlich nur wenige Kilometer vor der Küste. Der Gedanke an Hunderte Meter Tiefe unter uns ist beunruhigend.
Das Wetter ist schön. Regenbögen tanzen in der Gischt. Wir frühstücken Kaffee, Obst und sogar frisches Omelett an Bord. Ich sehe eines der traditionellen, bunten Fischerboote nicht weit weg von uns. Der Fischer winkt mir freundlich zu und ich grüße zurück. In der Ferne tauchen einige Delfine auf. Allein dafür hat sich die Tour schon gelohnt.

Und dann auf einmal große Aufregung an Bord. Wale in Sicht. Alle beobachten gespannt die Wasseroberfläche. Ich lasse meinen Blick über die Wellen gleiten und da ist er. Erst eine kleine Fontäne und dann sieht man einen grauen Rücken mit einer Rückenflosse in den Wellen verschwinden. Wow. Ich habe tatsächlich einen Wal gesehen. Es handelt sich um einen Brydewal. Das sind kleinere Verwandte der Blauwale, die ganzjährig in den Tropen leben. Kurz darauf wieder Aufregung. Auf der anderen Seite des Bootes ein zweiter Wal. Wieder beobachten wir gespannt die Oberfläche. Wieder taucht er kurz auf, eine Fontäne und dann der graue Rücken vor dem Abtauchen. Viel zeigt der Wal nicht von sich. Trotzdem ist es großartig, überhaupt so ein gigantisches Tier in freier Wildbahn zu sehen.
Neben uns sind sechs weitere Boote auf Whale Watching Tour. Alle folgen den beiden Walen. Jedes Boot versucht den besten Platz zu ergattern, um die Wale von möglichst nah zu sehen. Das Ganze erinnert mich schon irgendwie an eine Waljagd. Nur die Harpunen fehlen.
Nachdem wir den Wal ein paar Mal gesichtet haben, taucht er ab. Wale entfliehen dem Szenario, indem sie in tiefere Gewässer verschwinden. Das beruhigt mich.
Wir machen uns auf den Rückweg und treffen auf eine große Gruppe Spinnerdelfine, die teilweise vor unserem Boot mitschwimmen. Sie sind pfeilschnell und präsentieren ihre kunstvollen Sprünge. Das Wasser scheint zu kochen. Fische springen plötzlich aus dem Wasser und da wird mir klar, dass wir gerade eine Jagd beobachten. Dabei treiben die Delfine die Fische Richtung Wasseroberfläche zusammen, so dass der Sprung aus dem Wasser die einzige Fluchtmöglichkeit bleibt.
Die Delfine sind für mich das Highlight der Tour. Wir beobachten sie in ihrem natürlichen Verhalten und im Gegensatz zu den Walen scheint die Anwesenheit unseres Bootes sie nicht weiter zu stören.
So gerne ich Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum auch beobachte, wenn das Ganze wie eine Treibjagd wirkt und nicht wie eine respektvolle Annäherung zur Beobachtung, bekommt das Erlebnis für mich einen bitteren Nachgeschmack.
Trotz des ambivalenten Erlebnisses mit unserer Meeressafari besuchen wir den Undawalawe Nationalpark. Dieser verspricht eine 100% Elefantensicherheit. Tatsächlich sehe ich bereits den ersten großen Elefantenbullen direkt am Zaun stehen, bevor wir überhaupt in den Park eingefahren sind. Wir erleben wie Elefanten in kleinen Familienverbänden fressen und beobachten eine trächtige Kuh beim Sandbad, kaum einen Meter entfernt von unserem Jeep. Krokodile ruhen träge am Wasser, Wasserbüffel suhlen sich, Axis-Hirsche grasen unbeeindruckt am Eingang. Die Tiere wirken gänzlich unbeeindruckt durch unsere Anwesenheit. Ich bin froh, dass wir diese Safari noch gemacht haben. Noch nie habe ich Elefanten in freier Wildbahn aus solcher Nähe beobachten können.

Abends sitzen wir unten am Strand in der Bar. Während ich ins Feuer starre und den anbrandenden Wellen lausche, denke ich über den Vergleich mit der Schweiz nach.

Ja, Sri Lanka ist sauberer als Indien. Geordneter. Teurer. Die Menschen sind unglaublich freundlich und bemüht. Aber unter der Oberfläche spüre ich eine Anspannung, die ich aus Indien nicht kenne. Jede Familie scheint ihr Glück im Tourismusgeschäft zu suchen - ein Homestay hier, ein kleines Restaurant dort. Fast verzweifelt werben sie um die wenigen Touristen hier im Süden.
Autos und Zigaretten kosten ein Vermögen. Die Transportkosten sind absurd hoch. Alles ist reguliert, versteuert, geordnet. Schweizer Preise eben. Aber ohne Schweizer Gehälter.
Trotzdem: Die Insel ist ein Schatz für alle, die die Natur lieben. Grüne Meeresschildkröten, Brydewale, Elefanten beim Sandbad. Und wir haben nicht mal das Hinterland mit den Teeplantagen erkundet.
Die indische Schweiz? Vielleicht. Aber eine mit ganz eigenen Herausforderungen. Und mit sehr viel stärkeren Wellen.



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