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Der Poon Hill Trek und die Besteigung des Annapurna

Autorenbild: Kerstin Tscherpel
Kerstin Tscherpel
vor 6 Minuten
4 Min. Lesezeit

Der Annapurna ist einer der 14 Achttausender der Welt und befindet sich nicht weit von Pokhara in Nepal. Einen 8000er zu besteigen, war schon immer mein Traum.

Nein! Moment mal, das muss jemand anderes sein. Ich mag Berge eigentlich nur als malerische Kulisse. Es ist mir unerklärlich, wie sich manche Menschen begeistert jedes Wochenende stundenlang auf einen anderen Gipfel kämpfen, um dann 20 Minuten die Aussicht zu genießen und danach wieder stundenlang runterzuwandern. Jetzt ist es nicht so, dass ich gar nicht gern wandere. Aber bevorzugt auf einigermaßen ebener Strecke mit höchstens einigen Hügeln dazwischen. Vielleicht hat mich da meine Herkunft doch mehr geprägt, als ich früher vermutet hätte. Auf der Schwäbischen Alb gibt es schließlich kaum Gelegenheit, Berge über 1000 Meter zu besteigen.


Warum jetzt also der Annapurna?

Nun, ich habe natürlich nicht ernsthaft vor, den Annapurna I zu besteigen. Stattdessen möchte ich einfach nur den Poon Hill Trek wandern. Einen aus nepalesischer Sicht gemütlichen Trek für Anfänger auf gerade mal 3200 Metern mit spektakulärer Aussicht auf den besagten Annapurna. Ich freue mich. Im Frühjahr blüht der Rhododendron im Himalaya, durch dessen Wälder sich der Trek zieht.



Dann habe ich mich genauer über die Etappen des viertägigen Treks informiert und mit Schrecken festgestellt, dass man zum Erreichen des ersten Etappenziels über 3000 Stufen bewältigen muss. Das ist eine Zahl, die ich mir gar nicht vorstellen kann. Als mir die KI dann aber sagte, dass ich dafür etwa 8–9 Mal einen dieser krassen 25-stöckigen Wohntower in Gurgaon per Treppensteigen erklimmen müsste, wurde mir doch anders. Spätestens da hätte ich ahnen können, dass die Einschätzung von Bergmenschen nicht für Normalsterbliche gilt. Und seitdem fühle ich mich, als müsste ich den Annapurna selbst bezwingen.


Wir leben nun seit über 5 Jahren in Delhi, und der Fahrstuhl, der Fahrer und meine etwa 3000 Schritte am Tag haben meine Muskeln ganz schön schwinden lassen. Das haben auch die sporadischen Zumba- und Yogaeinheiten nicht verhindert. Nun stehe ich mit 50 da und soll in 4 Monaten 3000 Stufen erklimmen, wo ich doch eigentlich schon nach den 50 Stufen in unserem Treppenhaus fix und fertig oben ankomme.

Ich bin ehrlich ratlos und fühle mich, als würde ich das erste Mal im Leben an die Grenze meiner Belastbarkeit kommen.


Einen Vorgeschmack hatte ich, als ich vor zwei Jahren mit einer Kollegin den Triund Trek gelaufen und nach der Hälfte umgekehrt bin. Bergab fühlten sich meine Beine so wackelig an, als könnte ich mich nicht mehr auf sie verlassen, und zwischendurch dachte ich, sie machen einfach nicht mehr mit. Weil ich so langsam war, war ich irgendwann ganz allein auf dem Weg. Das hat mir damals richtig Angst gemacht. So etwas ist mir beim Gehen vorher noch nie passiert. Die Tage danach hatte ich den Muskelkater meines Lebens.


Um es auf den Punkt zu bringen: Meine körperliche Fitness ist ein Desaster.


Also frage ich zuerst meinen Mann, der hat schließlich Sport studiert. Er meint, ich sollte wieder mit dem Joggen anfangen. Das motiviert mich nicht und kommt mir viel zu anstrengend vor. Außerdem ist jetzt Smog-Saison, da kann man nicht mehr raus und schon gar nicht draußen Sport machen.

Ich überlege, ob ich mir doch ein Laufband anschaffe. Aber das ist so hässlich, und wo soll das stehen? Und wahrscheinlich würde ich es auch nicht regelmäßig nutzen.

Dann suche ich Rat bei meinem großen Sohn, dem Calisthenics-Pro. Er schaut mich ungerührt an, als verstünde er gar nicht, wo mein Problem liegt. Verständlich, denn er ist den Mardi Himal Trek bis auf 4500 Meter hinaufgewandert und dabei wie eine junge Gams dem Führer davongehüpft. Unfair, denke ich. Aber er besteht ja auch nur aus Muskeln, muss ich mir eingestehen. Er meint, ich müsse jetzt einfach täglich so viele Pistol Squats machen, bis meine Muskeln versagen. Ich denke, ich höre nicht richtig. Ist ihm nicht klar, dass er seine Mutter vor sich hat, die nicht mal einen einzigen Pistol Squat kann? Und die Äußerung „so viele bis zum Muskelversagen“ erzeugt bei mir gleich so viel Ablehnung, dass ich erst gar nicht anfange.


In meiner Verzweiflung frage ich unseren Reiseorganisator in Pokhara, ob zur Not ein Esel mitkäme. Wobei die Vorstellung, dass mich am Ende das arme Tier tragen muss, an Peinlichkeit nicht zu überbieten ist. Seltsamerweise geht er auf meine Frage gar nicht ein. Wahrscheinlich ist es in Nepal einfach nicht üblich, dass Esel Menschen tragen. Meist sieht man sie nur vollgepackt mit Gasflaschen oder Säcken den Berg erklimmen. Im Himalaya gibt es zwar professionelle Träger, aber der Gedanke, mich von einem Menschen den Berg hochschleppen zu lassen, ist so grotesk, dass ich lieber auf allen vieren hochkrabble.

Wobei, genau das tun offenbar ziemlich viele Touristen am Tai Shan in China, wo man über 7000 Stufen zum Gipfel steigen muss. Deshalb kann man sich dort inzwischen batteriebetriebene Roboterbeine ausleihen, die auch den Unfitten den Aufstieg erleichtern. So etwas müsste ich doch hier in Delhi auch bekommen. Ich habe sogar schon auf Amazon geschaut. Als mein Sohn das mitbekommt, verbietet er mir empört, so ein Ding zu kaufen. Erst da wird mir klar, wie dekadent ich dastehen würde, wenn ich mit Roboterbeinen den Berg hinaufstapfe, nur weil ich zu faul zum Trainieren war.


Ich bin immer noch ratlos.


Mein Mann beschließt in einer überschießenden Schutzreaktion, als Begleitung mitzukommen. Das finde ich jetzt schon wieder herzig, dass er sich so um mich sorgt. Wahrscheinlich wirkt hier aber das Trauma seines Überlebenstrainings bei der Bundeswehr nach. Trotzdem fühle ich mich geliebt.


Außerdem will er zur Vorbereitung mein Training anleiten und schafft einen Stepper an. Damit ist auch die Frage geklärt, wo so ein hässliches Gerät stehen soll: in seinem Büro. Vier Monate bleiben noch, und dann wird sich zeigen, ob die Angst vor dem Versagen genügt hat, mich zum Training zu bewegen. Denn wenn ich den rotblühenden Rhododendron genießen will, sollte ich vielleicht nicht völlig aus der Puste sein.


Mein Kollege erzählte mir, man habe ihm gesagt: „Wer den Poon Hill Trek schafft, der schafft alles im Leben!“ Ob ich das jetzt motivierend oder furchteinflößend finde, weiß ich noch nicht.


Wie schlimm es tatsächlich wird, erzähle ich dann im März …

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