Mein Sohn - der Gockel
- Kerstin Tscherpel
- vor 13 Minuten
- 3 Min. Lesezeit
Mein großer Sohn ist wieder bei uns eingezogen, und mit ihm seine Handstand-Bars, die Gewichtsweste und die Dose Kreatin.

Ein selbstbestimmter Tag im Leben meines Sohnes beginnt meist erst am späten Vormittag, wenn er aus seinem Zimmer auftaucht, um dann mit einem großen Eiskaffee und einer Schüssel Eiswasser für sein Gesichtsbad wieder darin zu verschwinden. Das nenne sich Looksmaxing, lerne ich, und ich solle das ruhig auch mal versuchen, dann sähe ich morgens nicht so verquollen aus. Vielen Dank auch, denke ich, und betrachte kritisch die Tränensäcke unter meinen Augen.
Beim Thema Ernährung erfahre ich, dass Proteine das A und O seien und Gemüse eigentlich ungesund. Aha, denke ich mir, und versuche trotzdem weiter, dreißig verschiedene Pflanzen pro Woche auf den Teller zu bekommen. Ich argumentiere nicht. Denn gegen seine etwas verschrobene Vorstellung der Steinzeiternährung ist kein Kraut gewachsen.
Trotzdem hat er nicht ganz unrecht, zumindest was die Proteine angeht. Nur die Mengen, die er zu sich nimmt, kommen mir dann doch übertrieben vor: Eine Packung Eier pro Tag ist Pflicht, dazu Fleisch, und obendrauf kommt der Proteinshake, dessen Pulver seit seinem Einzug wieder zur Grundausstattung gehört.
Inzwischen ist sogar sein kleiner Bruder angesteckt. Neulich saßen die beiden einträchtig nebeneinander und fachsimpelten über ein Video zu Haalands Ernährung, das sie sich offenbar gerade angesehen hatten. Denn obwohl der Kleine durchaus beeindruckt ist, wenn sein großer Bruder Handstand-Push-ups macht, findet er das Training selbst eher doof. Jetzt haben sie über Haaland eine gemeinsame Ebene gefunden. Während der Kleine Haalands Fußballkünste bewundert, ist der Große Fan seiner Ernährungstipps. Meine dreißig Pflanzen können wohl kaum gegen einen norwegischen Mittelstürmer ankommen, der auf Eier, Fleisch und Rohmilch schwört.
Ansonsten stolziert unser Gockel mit freiem Oberkörper durch die Wohnung, bleibt im Türrahmen stehen und lässt die Muskeln spielen. Das amüsiert mich sehr. Denn was ich hier beobachte, könnte in jedem Lehrbuch unter Imponierverhalten stehen: die aufgeplusterte Silhouette, das Zurschaustellen kostspieliger Merkmale. Das Bemerkenswerte daran ist nur, dass die eigentliche Zielgruppe solcher Darbietungen ja weder die Mutter noch der kleine Bruder ist. Beide sind lediglich Publikum, aus Versehen, während das echte Imponieren später auf Instagram stattfindet, wo jedes abendliche Calisthenics-Training ordentlich dokumentiert und mit Herzchen belohnt wird.
Calisthenics ist dabei so etwas wie die coole moderne Variante von Turnen und Bodybuilding. Bei diesem Training schnauft und stöhnt er so eindrucksvoll, dass ich mich regelmäßig in einer römischen Galeere à la Ben-Hur wähne. Das Testosteron, das er dabei verbreitet, ist beeindruckend und kann vermutlich auch noch im Treppenhaus gerochen werden.
Einfühlsam, wie er nun einmal ist, empfiehlt er mir gegen meine Schmerzen im oberen Rücken ein paar Klimmzüge. Dazu muss man wissen, dass Klimmzüge noch nie im Bereich meiner Möglichkeiten lagen. Nicht einmal in meiner Jugend, und damals wog ich deutlich weniger. Also hänge ich mich unter Schmerzen an die Stange und versuche, wenigstens die Beine vom Boden abzuheben. Dafür lobt er mich sogar. Tatsächlich ist diese Übung erstaunlich effektiv und führt überraschenderweise zu sofortiger Linderung meiner Beschwerden.
Man muss ihm zugestehen, dass er ein wirklich gut aussehender Kerl geworden ist. Trotzdem geht mir das ständige Gerede über Proteine und Testosteron zunehmend auf die Nerven. Denn bei allem Gockelgehabe kommt er mir meist doch wie ein großer Welpe vor, der noch nicht so recht weiß, was er mit all seiner Kraft anfangen soll.
Also hoffe ich einfach, dass sich das auswächst und er in dreißig Jahren dann auch in seiner Küche steht und seine dreißig Pflanzen zählt.
Oder ich mache bis dahin Klimmzüge.



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