Ich traf den Dalai Lama - aber mein Lehrer wurde er nicht
- Kerstin Tscherpel
- 8. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Zwischen Weihnachten und Neujahr reflektiere ich oft das vergangene Jahr. Meist geschieht das ganz unspektakulär beim Durchsehen und Aussortieren von Fotos.
Dabei bin ich wieder auf die Bilder mit dem Dalai Lama gestoßen. Eine Begegnung, die im März 2025 stattfand und deren Nachhall sich erst mit zeitlichem Abstand wirklich erfassen lässt.
Solche Begegnungen konfrontieren einen fast automatisch mit den klassischen Sinnfragen des Lebens. Warum bin ich da? Was ist mein Lebenssinn? Für mich stellten sich diese Fragen in diesem Moment ganz unmittelbar – für viele andere werden sie zum Ausgangspunkt einer längeren Suche.
Diese Suche führt viele nach Indien. So hat es damals schon meinen Mann nach dem Abitur nach Indien gezogen.
In Indien gibt es unzählige Gurus – spirituelle Lehrer, die Menschen von der Dunkelheit (Unwissenheit) ins Licht (Erkenntnis) führen sollen. In jedem Geschäft steht ein kleiner Schrein oder es hängt ein Bild von einem solchen Guru. Interessanterweise trifft diese Definition auch auf den Dalai Lama zu, der in Dharamsala im Exil lebt. Nur dass der Dalai Lama über Indien hinaus weltweit eine anerkannte geistliche Autorität darstellt. Mein Mann hegte fast sein ganzes Leben den Wunsch, einmal persönlich dem Dalai Lama zu begegnen. Umso kurioser ist es, dass ich jetzt diese Gelegenheit bekommen habe und er nicht.
Wir haben über Kontakte begehrte Plätze in der Blessing Line für meine Klasse und mich als begleitende Lehrerin erhalten. Früh morgens geht es los nach McLeod Ganj, in das Kloster des Dalai Lama. Nur mit vorheriger Anmeldung unter Angabe des Personalausweises bekommt man Zugang. Die Sicherheitskontrollen sind streng: Körperscan und Abtastung wie am Flughafen gehören zur Eingangskontrolle. Man darf den internen Bereich nur unter Abgabe seiner persönlichen Tasche betreten. Auch das Handy muss abgegeben werden. Wir erhalten einen kleinen Stempel mit der Nummer 4 auf die Hand. Dann betreten wir den Innenhof und stellen uns in einer langen Schlange an.
Es ist ruhig. Eine würdevolle Stille liegt über dem Platz. Gespräche werden gedämpft wie in der Kirche. Vögel zwitschern im Hintergrund. Alles wirkt sehr friedlich.
Wir stehen eine ganze Weile und ich betrachte die Menschen um mich herum. Dabei fallen mir die festlichen Gewänder vieler Besucher auf. Wer den Dalai Lama besucht, kommt oft in seiner schönsten Kleidung – nicht um gesehen zu werden, sondern um Achtung zu zeigen. Ich fühle mich etwas verunsichert, weil mir das so gar nicht klar war und ich jetzt in Jeans und Strickjacke in der Schlange stehe. Aber schließlich bin ich ja auch keine Buddhistin, sondern nur Besucherin, beruhige ich mich.
Es liegt eine erwartungsvolle Spannung in der Luft. Einige indische Soldaten sichern den Platz. Und dann plötzlich fährt seine Heiligkeit in einem kleinen Elektromobil vor. Mit fast 90 Jahren ist er nicht mehr so gut auf den Beinen. Er nimmt seinen Platz ein und nacheinander treten die Menschen in der Schlange vor ihn. Ich werde instruiert, darauf zu achten, nicht über ihn zu ragen und mich zu verbeugen.
Endlich ist die Frau vor mir dran. Sie ist vermutlich Amerikanerin und trägt helle Gewänder. Als sie vor den Dalai Lama tritt, bricht sie in Tränen aus und weint in seinem Schoß. Das rührt mich. Offensichtlich war es ihr größter Herzenswunsch, ihrer Heiligkeit gegenüberzutreten.
Und dann geht alles auf einmal ganz schnell. Ich bin dran und trete vor und versuche an alles zu denken, was ich beachten soll. Ich verbeuge mich, während ein Mönch mich dem Dalai Lama vorstellt. Er schaut mich mit seinen freundlichen Äuglein an. Ich nehme die Hand, die er mir entgegenhält, in meine und senke ehrerbietig meinen Kopf. Einen Moment später soll ich schon zur Seite treten für den nächsten. Das ging jetzt aber schnell. Ich werde weitergeschleust und erhalte einen Umschlag, in dem sich eine Urkunde und ein gesegnetes rotes Bändchen befinden.
Etwas perplex stehe ich da und versuche das Erlebte zu verarbeiten. Okay, ich habe den Dalai Lama aus nächster Nähe gesehen und bin von ihm gesegnet worden, aber leider konnte ich mich emotional gar nicht darauf einlassen, weil alles so schnell ging und ich ja alles richtig machen wollte. Ich bin mir auch nicht sicher, was ich erwartet habe. Vielleicht fehlt mir doch die Spiritualität. Erleuchteter fühle ich mich jedenfalls nicht.
Trotzdem war es ein besonderes Erlebnis, das sogar von Fotografen festgehalten wurde. Wer weiß, wie lange der Dalai Lama noch unter uns weilt und wer sein Nachfolger wird.

Vielleicht liegt es an mir. Vielleicht bin ich zu kopflastig, zu sehr Wissenschaftlerin. Oder es lag daran, dass die Begegnung zu kurz, zu formell, zu durchorganisiert war.
Später, als ich meinem Mann von der Begegnung erzähle, sieht er mich nachdenklich an. „Und? Hat es dir etwas gebracht?” Ich zucke mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Es war… besonders. Aber verändert hat es mich nicht.”
Vielleicht entsteht Erkenntnis für mich auf andere Weise. Nicht durch die Begegnung mit einem Guru, sondern durch meine Kinder – in den Momenten, in denen ich eigene Bedürfnisse zurückstelle, um die eines geliebten Menschen zu erfüllen. Und in den vielen langen Gesprächen mit meinem Mann.
Das Leben selbst ist mein Lehrer.



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