Farbberatung als Perspektivwechsel
- Kerstin Tscherpel
- 24. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Schon seit meiner Jugend wollte ich eine professionelle Farbberatung machen. Da ich damals aber keine Möglichkeit dazu hatte, begnügte ich mich mit Tests in diversen Frauenzeitschriften. In diesen Selbsteinschätzungen konnte man herausfinden, ob man ein Frühling-, Sommer-, Herbst- oder Wintertyp ist. Bislang war ich immer der Meinung, dass ich der Wintertyp bin. Schließlich habe ich helle Haut, blaue Augen und dunkle Haare.
Dem Wintertyp stehen kräftige, kalte Farben. Diese Beobachtung konnte ich beim Klamottenkauf auch nachvollziehen. Immer wenn ich warme Farben wie Gelb oder Orange ausprobierte, musste ich einsehen, dass das einfach nicht meine Farben sind. Ganz schlimm ist Beige. Darin sehe ich aus, als hätte ich eine schlimme Krankheit. So haben sich im Lauf der Zeit in meinem Kleiderschrank vorwiegend dunkle Farben wie Blau, Schwarz und Grün angehäuft, aber auch etwas Weiß. Vor allem nach meiner Capsule-Wardrobe-Aktion hat die Farbvielfalt noch einmal deutlich abgenommen.
Nun hat mir meine Freundin eine Farbberatung angeboten. Sie hat in Moskau als Stylistin gearbeitet und besitzt damit sowohl das Equipment als auch das nötige Know-how. Begeistert habe ich zugesagt.
Wir treffen uns bei ihr zu Hause zur Mittagszeit, damit das Tageslicht optimal ist. Zuerst stärken wir uns mit Gemüsesuppe und Tee, bevor es losgeht. Ich nehme auf einem Stuhl direkt am Fenster Platz. Vor mir steht ein großer Spiegel, damit ich die Wirkung der Farben gut beobachten kann. Ich bekomme einen weißen Umhang umgelegt und fühle mich jetzt fast wie beim Friseur.

Dann geht es los. Meine Freundin erklärt mir das Konzept, bei dem Farben in drei Qualitäten unterteilt werden:
Brillant/leuchtend oder matt/gedämpft
kalt oder warm
Dunkel/satt oder hell/pastellig
Sie legt mir der Reihe nach Tücher in unterschiedlichen Farben um, und ich soll die Wirkung auf mein Gesicht beurteilen. Dabei geht es nicht nur darum, ob die Farbe zu meinen Augen passt, sondern auch darum, ob mein Teint mehr strahlt oder nicht. Das finde ich gar nicht so einfach.
Schnell kristallisiert sich heraus, dass mir leuchtende Farben deutlich besser stehen als matte. Damit kann ich gut mitgehen. Kalte Farben sind besser als warme – auch damit habe ich meinen Frieden gemacht. Dann sagt sie jedoch, dass mir helle Farben besser stehen als kräftige satte. Das bringt mich aus dem Konzept.
Mit meiner Garderobe vor meinem geistigen Auge befällt mich das Gefühl, mich mein halbes Leben falsch gekleidet zu haben. Denn sie besteht überwiegend aus kräftigen, dunklen Farben. Die Farben hingegen, die mich jünger und frischer aussehen lassen würden, sind strahlende, helle Töne. In diese Kategorie fallen gerade einmal ein paar weiße Oberteile. Toll.
Und dabei habe ich doch erst ausgemistet!
Nach meinem Capsule-Wardrobe-Projekt war ich richtig zufrieden mit meiner Garderobe, und nun stellt sich erneut dieses Gefühl eines Mangels ein. Wie es aussieht, muss ich also shoppen gehen. Mal sehen, ob ich meine Garderobe um ein paar leuchtende Kleidungsstücke bereichern kann. So habe ich jetzt einen Grund, mir etwas Neues zu kaufen. Da kann selbst mein Mann nicht widersprechen.
Für meine dunklen Oberteile empfiehlt mir meine Freundin die Kombination mit hellen, strahlenden Accessoires, zum Beispiel Goldschmuck. Auch hier war ich bisher der Meinung, dass Silber besser zu mir passt. Solange der Goldschmuck jedoch nicht zu gelblich ist, wäre er für mich durchaus vorteilhaft, sagt meine Stylistin. Das Problem ist nur, dass ich kaum Goldschmuck besitze.
Neben dem Goldschmuck könne aber auch Lipgloss helfen. Das ist sogar für mich ein alltagstauglicher Tipp.
Es gibt wohl in dem Sinn keine falsche Farbe. Aber wenn man nicht die Farbe seines Typs trifft, muss man mehr auf Accessoires achten, um das auszugleichen. Das beruhigt mich etwas. Andererseits bin ich aber auch nicht diejenige, die sich viel Gedanken um ihr Gesamtstyling machen möchte. Daher werde ich wohl doch nach ein paar leuchtenden Oberteilen zur Ergänzung meiner Garderobe suchen.
Somit lässt sich meine Einordnung als Wintertyp heute etwas genauer fassen.

Was mich als Wintertyp ausmacht:
Was für alle Wintertypen gilt:
Kühle Farben
Starke Kontraste
Warum ich kein klassischer Wintertyp bin:
Sehr dunkle, satte Farben wie Schwarz oder Dunkelblau können bei mir schnell schwer wirken.
In vielen dunklen Outfits sehe ich eher streng als frisch aus.
Ich als klarer Wintertyp:
Am besten wirken bei mir kühle, leuchtenden Farben.
Helle, klare Töne lassen mein Gesicht wacher und jünger erscheinen.
Ich brauche weniger Tiefe, dafür mehr Strahlkraft.
Ich habe mir nun eine Shoppingliste geschrieben und freue mich darauf, in den Weihnachtsferien mit meiner Tochter shoppen zu gehen. Hoffentlich habe ich dann auch den Mut, die entsprechenden leuchtenden Farben tatsächlich zu kaufen. Zur Unterstützung bei der Farbwahl habe ich mir eine Farbübersicht für den Klaren Wintertyp auf dem Handy gespeichert. Dazu findet man zum Beispiel bei Pinterest Farbübersichten. Jetzt kann eigentlich nichts mehr schiefgehen.
Außer ich finde in Deutschland nichts. Denn seit ich in Indien lebe, habe ich den Eindruck, dass sich das trübe Wetter auch auf die Farbpalette in der Mode auswirkt. Leuchtende Farben findet man dort eher selten – fast wie in meinem Kleiderschrank.
Hier in Indien ist das anders. Leuchtende, bunte Farben sind in der Mode sehr beliebt. Falls das Shopping in Deutschland also erfolglos bleiben sollte, kann ich immer noch hier in Indien mein Glück versuchen.
In Deutschland müsste ich für leuchtende Farben vermutlich etwas Mut aufbringen. Zu groß ist die Gefahr, mich wie ein bunter Papagei unter grauen Tauben zu fühlen. In Indien hingegen falle ich mit kräftigen Farben kaum auf – eher im Gegenteil. Vielleicht ist es also gar kein Zufall, dass ich meinen „klaren Wintertyp“ ausgerechnet hier entdeckt habe.



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