Im Hamsterrad - Rundendrehen im Park
Einige Verhaltensweisen unserer indischen Nachbarn erschienen mir anfänglich doch etwas skurril. Zum Beispiel die Gewohnheit, abends im Park zu spazieren. Die Parks in den Communities sind meist klein. Eine Wiese in der Mitte, ein paar Bäume und Blumenbeete außenrum und dazwischen die Tartanbahn. Fast wie im Hamsterrad kamen mir die Menschen vor, die hier fleißig ihre Runden liefen, war ich doch die weiten Wälder in Deutschland gewöhnt.
Mit Turnschuhen an den Füßen sieht man Männer in Jeans und Hemden oder Frauen in bunten Kurtas flottigen Schenkels ihre Runden laufen. Tatsächlich joggen sieht man wenige. Ein paar Jüngere ab und zu. Die meisten in meinem Alter gehen zügig. Auch dabei schwitzt man schon. Denn selbst nach Sonnenuntergang ist es noch schwül und heiß.

Mittlerweile aber habe ich selbst diese Routine lieb gewonnen. Bei einem Leben mit Fahrer, Fahrstuhl und einer Schule, in der es vom Klassenzimmer zum Lehrerzimmer gerade mal 20 Schritte sind, ist das die Bewegung des Tages. Also schlüpfe ich abends in meine Laufschuhe, trage Mückenschutz auf und mache mich auf den Weg. Hinten zum Tor aus, um die dunkle Ecke, auf die Straße am Club vorbei und rein in den beleuchteten Park. Wäre ich nicht in Indien, hätte ich an der dunklen Ecke ein ungutes Gefühl. Hier nicht, wo vor jedem Haus ein Wachmann sitzt.

Die dünne Sandschicht knirscht unter meinen Schritten und ich genieße die Stimmung. Die Dämmerung, die langsam am Himmel in lila Wolken verblasst. Die Flughunde, die kaum hörbar als dunkle Schatten über den Park zu ihren Futterquellen fliegen. Die Krähen, die sich laut in den Bäumen über mir zur Nachtruhe sammeln und wahrscheinlich um den besten Schlafplatz streiten.
Auf der Wiese spielen Kinder Fangen und auf Bänken sitzt jeden Abend eine Gruppe Älterer zusammen im Kreis und unterhält sich angeregt. Vor mir malen ein paar Mädchen ein Hüpfspiel in die Sandschicht. Einige laufen barfuß auf der gepflegten Wiesenfläche des Parks. Das würde ich auch gern. Traue mich aber nicht, wegen der potenziellen Hakenwurmlarven, die vom Katzenkot in den Boden gelangt sein können.

So laufe ich weiter meine Runden und mit der Zeit begegne ich bekannten Gesichtern. Zum Beispiel dem Mann mit den langen O-Beinen, der seinen Schnauzer so trägt, als würde er permanent grinsen.
Kürzlich habe ich sogar unsere Nachbarin aus dem 2. Stock getroffen und mich angeregt mit ihr über das Termitenproblem unterhalten. Dieses Jahr hat es wohl sie erwischt, während unser Appartement, Gott sei Dank, verschont blieb. Da dachte ich, jetzt bist du wirklich in Indien angekommen.



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