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Vom Appartement zum Elfenbeinturm - wohnen in Delhi

Autorenbild: Kerstin Tscherpel
Kerstin Tscherpel
vor 19 Stunden
4 Min. Lesezeit

Wie wohnt es sich in Delhi?

Diese Frage stellt sich jedem Expat, der mit dem Gedanken spielt, nach New Delhi zu ziehen. Auch wir hatten keine Vorstellung davon.


In Deutschland auf dem Land wohnt man entweder in einer Wohnung oder einem Haus. Diese unterscheiden sich in Größe, einem vorhandenen Garten und dem Abstand zum Nachbarn. Hier schneidet die Wohnung meist am schlechtesten ab: klein, kein Garten und der Nachbar ist gleich ein Stockwerk weiter. Das ist in Deutschland deshalb besonders relevant, weil Nachbarschaftskonflikte keine Seltenheit sind. Und ich habe den Eindruck, dass die Anzahl der Konflikte direkt mit der Nähe und Anzahl der Nachbarn korreliert.


In Delhi leben die meisten Expats ebenfalls in etwas, das man im Deutschen als Wohnung bezeichnen würde. Allerdings nennt es sich hier Appartement und hat deutlich mehr Quadratmeter als unser Reihenendhäuschen in Deutschland. Während ich das schreibe, sitze ich in meinem Lieblingssessel und blicke auf unsere Dachterrasse. Und selbst die ist größer, als es unser Garten war. Das ist schon kurios, wenn man bedenkt, dass wir in Delhi in einer Millionenmetropole leben. Mein Mann hat unser Haus später während der Heimaturlaube immer liebevoll als Hobbithaus bezeichnet, weil es uns im Vergleich zu unserem Appartement auf einmal so klein vorkam.

Unser Freiluftwohnzimmer auf unserer Dachterrasse
Unser Freiluftwohnzimmer auf unserer Dachterrasse

Unser Appartement in Neeti Bagh hat knapp 300 Quadratmeter. Überall Marmorböden und an jedem der vier Schlafzimmer gibt es ein zugehöriges Badezimmer. Das ist für deutsche Verhältnisse durchaus luxuriös. Natürlich ist das Ganze nicht unbedingt billig und wir können uns mit 2.200 Euro für unser Appartement schon glücklich schätzen.

Je näher man am Botschaftsviertel Chanakyapuri wohnt, umso teurer wird es. Trotzdem sind diese Art Appartements die bescheidenere Variante, in Delhi zu wohnen.

Wir leben in einer ingateten Area. In unserem Fall bedeutet das aber nur, dass wir einen wenig motivierten Wachmann am Tor sitzen haben, der entweder schläft oder Videos auf seinem Handy schaut und uns im besten Fall das Tor öffnet.


Wer es größer, mit Garten und Pool möchte, der sucht sich ein Farmhaus. Die liegen etwas weiter draußen und je nach Alter und Zustand beginnen die Mietpreise hier bei 3.500 Euro pro Monat. Das ist dann aber schon die preiswerte Variante, die oft Probleme wie Schimmel mit sich bringt. Eine Freundin hatte ein solches Farmhaus gemietet und gleich bei unserem ersten Besuch ist mir der moderige Geruch im Haus aufgefallen. Letztlich musste sie ausziehen, weil der Schimmel so massiv aus der Wand spross, dass ganze Räume unbewohnbar wurden.

Abendstimmung am Pool im Farmhaus
Abendstimmung am Pool im Farmhaus

So schön es ist, im Garten eines solchen Farmhauses zu sitzen und den Pfauen beim Radschlagen zuzusehen, so nervig sind die Moskitos, die einen in der Dämmerung überfallen. Auch Schlangen, wie die gefürchteten Kobras, sind in den Gärten unterwegs. So kann es passieren, dass man beim Picknick auf der Wiese einer Kobra in die Augen schaut. Und das ist wohl das letzte Tier, das man im Garten haben möchte, während die Kinder Fußball spielen.


Wer es ohne Schimmel möchte, muss schon über 5.000 Euro Monatsmiete bezahlen. Ganz zu schweigen von den Folgekosten, die so etwas mit sich bringt. Für den Garten benötigt man mindestens einen Gärtner, einen weiteren Angestellten für den Pool und für das große Haus mindestens eine Vollzeitmaid zum Sauberhalten und natürlich noch Wachpersonal. Dafür hat man es dann aber wirklich schön und kann in seinem parkähnlichen Garten die besten Poolpartys ausrichten.


Und wem das immer noch nicht genug Luxus ist, der bezieht ein Appartement in Magnolias. Das sind große Hochhäuser in der Trabantenstadt Gurgaon. Fahrtzeit bis Delhi 45 Minuten, in Stoßzeiten auch schnell mal eineinhalb bis zwei Stunden. Zur Wohnanlage gehört ein eigener Park, eine Golfanlage, eine große Poollandschaft und selbstverständlich Tennisplätze. Zusätzlich gibt es ein Spa, einen Fitnessraum, ein Café, eine Bar, ein Restaurant, einen Kinosaal, ein Billardzimmer und was das Herz begehrt.

Tatsächlich lebt man wie im 5‑Sterne-Hotel.

Die Anlage ist natürlich ingated und das bedeutet auch ingated. Man erhält nur Zugang mit persönlichem Gatepass. Sobald man den Tower betritt, fühlt man sich schon wie in einem luxuriösen Hotel. Es läuft angenehme Lounge-Musik, die Eingangshalle ist mit fantastischen, duftenden Blumenarrangements bestückt. Der Portier, mit goldener Borte am Kragen, weist einem freundlich den Weg zum Aufzug. Wir fahren nach oben und ich muss tatsächlich den Druck in den Ohren ausgleichen. Fast beängstigend, wie hoch die Gebäude sind.


In jedem Stockwerk gehen nur zwei Appartements ab. Auch hier sind vier Schlafzimmer pro Appartement üblich, nur eben auf viel mehr Quadratmetern. Ein klassisches Appartement hat 600 Quadratmeter und riesige Balkone. Das ist schon beeindruckend. Die Aussicht ist gigantisch. Man sieht die grüne Golflandschaft unter sich und ist so weit oben, dass nicht mal mehr die Moskitos einen erreichen. Ich empfinde Besuche hier wie einen kleinen Kurzurlaub und genieße den guten Wein, die Gepflegtheit und Ruhe der Anlage sehr. Kein permanentes Gehupe, kein Baulärm und kein Chaos.


Natürlich hat das Ganze seinen Preis. Mieten beginnen hier je nach Größe und Ausstattung bei etwa 7.000 Euro plus die Clubmitgliedschaft, die nötig ist, um alle Annehmlichkeiten, die die Anlage bietet, nutzen zu dürfen.


Ein wenig fühlt es sich an, als würde man in einem Elfenbeinturm leben. Fernab der realen Welt und Sorgen, mit denen sich normale Menschen herumschlagen, einschließlich der Moskitos.


Abends fahren wir zurück nach Delhi und obwohl wir nur ein kleines Appartement besitzen, bin ich froh, direkt in Delhi zu leben und nicht so weit außerhalb. Für mich ist so die Teilnahme am Sport an der Deutschen Botschaft keine Weltreise, und auch unsere Pubertiere haben die zentrale Lage sehr genossen. War es doch so viel einfacher für sie, sich zu treffen und clubben zu gehen.


Und die Nachbarn? Die lassen einen leben und behelligen einen nicht. Wir hatten nur einmal Probleme mit einem Nachbarn, und das war ein gestresster Expat aus Frankreich. Seit wir umgezogen sind und vorwiegend indische Nachbarn haben, gab es nie Beschwerden. Vielleicht, weil Inder viel mehr an Lärm gewöhnt sind oder weil sie toleranter sind. Das kann ich nicht einschätzen. Aber es macht das Leben deutlich unbeschwerter, auch wenn ich nicht im Elfenbeinturm wohne.

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