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Kasachstan

Autorenbild: Kerstin Tscherpel
Kerstin Tscherpel
vor 18 Minuten
5 Min. Lesezeit

Tatsächlich hatte ich keine Vorstellung von Kasachstan. Weder vom Land noch von den Menschen, die dort leben.

Wir fliegen nach Almaty. Das liegt im Süden von Kasachstan und ist unser Zwischenstopp nach Georgien.


Der Flughafen ist klein. Bei der Einreise werden wir mehrmals von einem eifrigen Spürhund überprüft, der von seinem Hundeführer ohne Leine in der kleinen Flughafenhalle angeleitet wird. Da es sich um einen Belgischen Schäferhund handelt, reagieren viele Touristen erschrocken, wenn der Hund seine Nase direkt neben ihnen hebt und nur wenige Zentimeter entfernt ist. Das scheint den Hundeführer zu amüsieren. Mich amüsiert es auch, da der Hund einen freundlichen Eindruck macht und sicher gut abgerichtet ist.


Die Einreise ist unproblematisch und bald sind wir in unserem Hotel. Wir bestellen zwei Gläser Orangensaft und bekommen eine Safttüte vor die Nase gestellt. Der Preis kommt mir teuer vor. Der Kellner geht wieder. Ich wundere mich, dass er nicht einschenkt. Wir sind ziemlich spät angereist. Vielleicht hat er schon Feierabend. Ich schenke mir und meinem Sohn ein Glas ein und lasse den Rest stehen. Damit ich nicht noch mehr teuren Saft bezahlen muss.

Am nächsten Tag stellt sich heraus, dass ich unwissentlich die ganze Tüte gekauft hatte. Die Hälfte davon ist durch mein Stehen lassen im Müll gelandet.


Nach dem Frühstück erkunden wir die Stadt. Ich habe noch nie so eine saubere Stadt gesehen, und das liegt nicht nur daran, dass ich direkt aus Delhi komme und der Kontrast kaum größer sein könnte. Nirgends liegt Müll. Wirklich beeindruckend. Die Stadt selbst ist nicht so reizvoll. Die Berge in der Ferne bieten zwar eine schöne Kulisse, aber sonst ist sie nicht besonders malerisch, eher pragmatisch.


Zufällig geraten wir am Memorial of Glory in Almaty in die Gedenkfeier zum 85. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion. Veteranen und Militärs versammeln sich am Ewigen Feuer. Alle haben sich rausgeputzt und tragen ihre Ausgehuniformen. Die Frauen tragen aufwendig gelegte Frisuren und traditionelle Kleider. Auch sie haben sich fein gemacht und erinnern mich an meine Oma, die sich zu festlichen Anlässen auch so herrichtete. Eine trägt sogar einen Spitzensonnenschirm. Ich fühle mich wie in einem alten Film.

Etwas weiter werden an einem Stand alte Militärutensilien verkauft. Unter anderem Feldflaschen. Der Händler bewirbt sie als original deutsch. Ich halte die Flasche in der Hand und ein unheimliches Gefühl beschleicht mich bei der Vorstellung, wie diese Flasche eines deutschen Soldaten dort gelandet ist.

Natürlich gibt es auch die traditionellen russischen Fellmützen. Ich spiele sogar mit dem Gedanken, eine zu kaufen. Weil sie mir aber so günstig erscheint, bezweifle ich die Echtheit des Fells. Außerdem brauche ich sie faktisch nicht, wo ich ja in Delhi lebe.


Im Park findet sich auch die Christi-Himmelfahrts-Kathedrale mit ihren bunten Zwiebeltürmen. Davor ein Platz, auf dem die Tauben die Attraktion sind. Sie werden von den Besuchern gefüttert. Es gibt extra Verkaufsstände mit Taubenfutter. Eine Frau, die auf ein schönes Foto mit den Tauben hofft, wird so belagert von den Vögeln, dass sie Angst um ihr hübsches Sommerkleid hat. In Delhi lassen wir die Pest Control kommen, damit uns die Tauben nicht den Balkon vollkacken. Niemand käme dort auf die Idee, sie auch noch anzulocken.


Zur Stärkung suchen wir uns ein nettes kleines Bistro. Die Verständigung auf Englisch ist mehr als schwierig. Also versuche ich, dem Kellner mein Anliegen mit DeepL auf Kasachisch zu übersetzen. Das versteht er aber nicht! Jetzt bin ich irritiert. Ist er kein Kasache? Oder hat DeepL schlecht übersetzt? Überprüfen kann ich es nicht. Denn außer Englisch beherrsche ich keine Fremdsprache. Er fragt nach der russischen Übersetzung, die er problemlos versteht, und so komme ich doch noch zu meinem Glas Wein.


Bereitsauf dem Hinflug mit der kasachischen Fluglinie haben mich die Eindrücke vom Charyn Canyon in einem Bordvideo so begeistert, dass wir uns am nächsten Tag dorthin aufmachen. Der Charyn Canyon gilt als kleinerer Bruder des Grand Canyon in den USA. Wir fahren mehrere Stunden durch die kasachische Landschaft. Diese ist geprägt von Hügeln mit Gräsern unter dem weiten Himmel. Die Gräser wiegen sich in sanften Gelb- und Grüntönen im Wind. Dadurch wirkt das Ganze wie Wellen in einem Meer, nur eben eins aus Gras. Ab und zu sieht man Pferde in der weiten Steppe und ich komme mir vor wie in der Mongolei. Oder meiner Vorstellung von der Mongolei. Denn tatsächlich war ich noch nie dort. Aber die Weite löst eine tiefe Sehnsucht in mir aus. Ist sie für mich doch der Inbegriff von Freiheit.

Der Canyon ist ein tiefer Einschnitt aus rotbraunen Felsen, der sich in beeindruckenden Formen durch die Landschaft zieht.

Wir machen uns auf zur Aussichtsplattform und obwohl der Weg nicht weit ist, ist es anstrengend. Die Luft ist trocken, die Sonne brennt auf die karge Landschaft und der Wind zerrt an meinen Haaren. Etwas erschöpft und ausgetrocknet kommen wir vorne an und werden mit einer spektakulären Aussicht belohnt. Klar blauer Himmel mit weißen Schäfchenwölkchen erstreckt sich über der tiefen Schlucht.

Die horizontalen Bänder im Gestein lassen erahnen, wie lange Wind und Wetter diese Steinformationen schon bearbeiten. Ich würde gern den staubigen Weg durch den Canyon erkunden. Fürchte mich aber vor der Anstrengung durch die trockene Hitze. Schade, dass wir nicht länger hier bleiben können. Denn unser nächstes Ausflugsziel wartet schon.


Nach weiteren zwei Stunden Fahrt durch ein wenig besiedeltes Land erreichen wir den unteren Kolsai-See inmitten der Berge. Hier oben ist es kühler und nicht mehr so trocken. Der See ist von sattgrünem Fichtenwald umgeben und die Szenerie erinnert mich stark an einen alpinen Bergsee. Größer könnte der Unterschied zum Canyon wohl kaum sein. Wir spazieren hinunter zum tiefblauen Wasser. An den Hängen blühen Wiesenblumen, die ich aus Deutschland kenne, wie Weidenröschen mit ihren pinken Blüten. Aber der Anblick der Margeriten mit ihren weiß-gelben Blütenköpfen erfreut mich am meisten. Sind es doch die Blumen, die im Mai zu meinem Geburtstag blühen.

Zum Abschluss besuchen wir das Ethno-Dorf Huns in der Nähe von Talgar, in dem die traditionelle Lebensart für Touristen vorgestellt wird. Die Jurten auf dem Platz sind bunt eingerichtet. Meine Jungs können einen Steinadler auf der Hand halten, dessen Schnabel sehr beeindruckend ist. Gut, dass er seine Haube trägt. Wir wohnen einer nachgespielten Hochzeitsszene bei, die mit der Dombra, der traditionellen kasachischen Laute, begleitet wird, und probieren traditionelle kasachische Kleidung. Aber nur unser großer Sohn sieht im bestickten Chapan auf dem thronartigen Sessel tatsächlich wie ein Herrscher aus vergangenen Tagen aus. Das fällt auch den Mädchen auf, die ihm kichernd versteckte Blicke zuwerfen. Die Reitdarbietung stellt den Höhepunkt dar. Die Reiter preschen in schnellem Galopp und mit wilden Schreien an uns vorbei. Mit Reiterbögen verfehlen sie auch im fliegenden Galopp ihr Ziel nicht. Das beeindruckt meinen Mann als geübten Bogenschützen besonders. Sie hängen sich seitlich aus dem Sattel hinunter und heben Dinge vom Boden auf. Erst kommt mir das Ganze wie eine akrobatische Übung vor. Aber dann geht mir auf, wie diese kunststückartigen Manöver bei den Überfällen durch die Reitervölker der Steppe tatsächlich zum Einsatz kamen. Kein Wunder, dass sie so gefürchtet waren.


In drei Tagen bereisen wir damit den Südwesten der USA, die Alpen und die mongolische Steppe. Dass Kasachstan das zu bieten hat, hätte ich nicht erwartet.


Rückblickend waren diese drei Tage in Kasachstan beeindruckender als unsere anschließende dreiwöchige Georgienreise, und dabei war Almaty nur der Zwischenstopp.

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