Willkommen bei den Tscherpelinis. Die heutige Folge: „Loslassen“
Mein großer Sohn betritt die Küche am späten Vormittag, um sich seinen Kaffee zu machen, während ich mit meinem Mann in einer heftigen Diskussion stecke.
Unser Disput dreht sich um das richtige Maß an Kontrolle versus Loslassen. Dieses Thema flammt bei uns regelmäßig auf, sobald es um Erziehungsfragen geht. Auslöser ist diesmal unser Jüngster, der seit ein paar Wochen die 5. Klasse besucht und noch etwas unter Anpassungsschwierigkeiten leidet. Die Stundenstruktur und der deutlich getaktetere Unterricht strengen ihn an, und je nach Fach und Lehrer gibt es Tage, an denen er nicht zur Schule will: „Darf ich heute zu Hause bleiben?", fragt er dann herzerweichend.
Ich bemühe mich, dem nicht so viel Bedeutung beizumessen und hoffe, dass sich das mit der Zeit schon geben wird.
Mein Mann sieht das anders. Er befürchtet, dass ohne rechtzeitige Intervention aus einem kleinen Problem ein großes werden könnte. Ich wiederum plädiere fürs Loslassen. Vertrauen darauf, dass unser Kleiner das schon schaffen wird.
Das Wort „Loslassen“ löst bei meinem Mann aber ungefähr das genaue Gegenteil aus. Dann erinnert er mich immer an unsere alte Hütehündin, die völlig verzweifelt versucht hat, ihr Familienrudel zusammenzuhalten, auch wenn dieses in unterschiedliche Richtungen auseinanderlief. Für sie war das eine ernste Sache. Für meinen Mann ist es das auch. Wenn ich mehr loslassen will, muss er mehr festhalten, damit in seiner Wahrnehmung nicht alles auseinanderfällt.
Er fühlt sich also unverstanden und wird sarkastisch. Dann könne er ja gleich alles loslassen. Dann hätte er wenigstens auch keinen Stress mehr.
Ich reagiere genervt und schlage den berühmten Mittelweg vor, diesen wundersamen Ort, an dem theoretisch immer alle zufrieden sind und praktisch niemand weiß, wo genau er liegt.
In diesem Moment kommt unser großer Sohn dazu und äußert trocken: „Ich komme mir wie in einer Sitcom vor, und die Folge heute heißt: ‚Loslassen'!"
Mein Mann und ich brauchen erst mal ne Sekunde, um das einzuordnen. Wir fühlen uns entlarvt, denn ganz Unrecht hat er nicht. Was macht eine Sitcom aus? Die gleichbleibenden Charaktere, die zum Amüsement des Publikums über die immer gleichen Themen zanken.
Und genau das scheint seit 20 Jahren mit Kindern unser Thema zu sein. Wie viel Kontrolle ist nötig, und wann sollte man loslassen? Ich weiß es nicht. Und dass jedes unserer Kinder so anders ist, macht es auch nicht gerade einfacher. Nur in einem Punkt sind mein Mann und ich uns einig: dass wir als Eltern immer die Urschuld haben werden. Egal wie wir entscheiden, am Ende werden uns unsere Kinder genau diese Entscheidung vorwerfen.
Währenddessen sitzt unser Jüngster ein Zimmer weiter vor seinem iPad und spielt mit seinen Freunden Minecraft.

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