Baustelle mit Aussicht
Direkt neben unserem Haus befindet sich eine Baustelle! Genauer gesagt sogar zwei!
Als wir das Apartment das erste Mal betraten, sahen wir aus einem Fenster ein heruntergekommenes Haus, in dessen Garten eine alte Kloschüssel lag. Das stimmte mich skeptisch. Denn eigentlich waren wir auf der Suche nach einer Wohnung ohne Baustellenlärm – sofern das in Delhi überhaupt möglich ist. Entgegen der Aussage des Vermieters kam es, wie ich befürchtet hatte: Das alte Haus wurde abgerissen, um Platz für ein neues zu schaffen.

Also liege ich jetzt in meinem Bett und darf dem mahlenden, polternden Geräusch des Zementmischers lauschen. Ich muss die Vorhänge zuziehen, um nicht von den Arbeitern beobachtet zu werden, und übe mich dabei in Stoizismus.
Allein in unserer Straße gibt es momentan vier derartige Baustellen. Dabei muss man wissen, dass unsere Straße etwa 500 Meter lang ist.
Auf der anderen Straßenseite wird gerade ein neues Krankenhaus hochgezogen. Hier können wir den Baufortschritt direkt von unserer Dachterrasse aus beobachten. Die Baustelle wird nachts derart hell beleuchtet, dass der Begriff Lichtverschmutzung eine ganz neue Dimension erlangt. Und so werde ich, gewollt oder nicht, zur Beobachterin mit Logenplatz.

Während das Krankenhaus in stoßartigen Bauphasen erstellt wird, entwickelt sich das Apartmenthaus langsam, aber stetig weiter.
In den Bauphasen wimmelt es in dem Hospital von Arbeitern. Einige mit Helm und manche sogar mit Sicherheitsschuhen. Es sind ausschließlich Männer. Von dem ganzen Trupp arbeiten welche, andere stehen rum und reden und wieder andere schauen zu, wie einige arbeiten. Aber es geht trotzdem zügig voran. Dann irgendwann sieht man niemanden mehr, und das kann auch wochenlang so bleiben.
Im Apartmenthaus arbeiten neben Männern auch Frauen. Diese tragen in Schüsseln Sand oder Ziegelsteine auf dem Kopf auf die Baustelle. Die Schüssel wird von einem Mann befüllt und der Frau auf den Kopf gehoben. Diese balanciert sie dann auf dem darunterliegenden Tuchring in aufrechter Haltung zum Bestimmungsort. Zumindest scheint diese Tragweise einigermaßen rückenfreundlich zu sein.
Die Frauen arbeiten in ihren bunten Saris und tragen Flipflops an den Füßen. Sie bewegen sich nicht gerade schnell. Aber schließlich ist es eine schwere Arbeit, den ganzen Tag Steine zu tragen, und eine mäßige Geschwindigkeit führt bestimmt dazu, dass man länger durchhält.
Am meisten hat mich der Eindruck verstört, dass diese Arbeiter mit ihren Familien im Rohbau zu leben scheinen. Ab und an sieht man kleine Kinder auf dem Sandberg neben dem Rohbau spielen, und abends wird in dem Haus, das nur aus unfertigen Wänden und Böden besteht, über einem kleinen Feuer gekocht. Auf der Großbaustelle der Klinik sieht man nachts niemanden mehr.
Weil ich diese Beobachtungen so befremdlich fand, habe ich Satinder, unseren Fahrer, gebeten, mir bei einem kleinen Interview zu helfen und meine Fragen ins Hindi zu übersetzen.
Wir sprechen zwei Frauen an, die gerade Sand auf der Baustelle in eine Schüssel schaufeln. Sie heißen Kalpana und Usha Devi und stammen aus Bihar, einem Bundesstaat im Osten Indiens.

Kaum beginnen wir das Interview, kommen zwei Männer dazu, die auf der Baustelle offenbar für die Frauen verantwortlich sind. Schließlich beantworten sie meine Fragen, während sich die Frauen wieder ihrer Arbeit widmen.
Meine Frage, welche Aufgabe die Frauen auf der Baustelle haben, sorgt für Irritation. Angesichts der Tatsache, dass sie direkt vor unseren Augen Sand schleppen, ist die Frage auch überflüssig.
Die Frauen arbeiten wohl acht bis neun Stunden täglich und verdienen dafür laut Auskunft der Männer 500 Rupien, also umgerechnet etwa fünf Euro. Sie wohnen mit ihren Familien in Defence Colony und werden noch etwa 15 bis 16 Tage auf dieser Baustelle arbeiten.
Während des Gesprächs fühle ich mich unwohl. Was denken sich die Frauen wohl über mich? Finden sie es seltsam, von einer Weißen über ihre Arbeit ausgefragt zu werden? Ich fühle mich, als würde ich die beiden wie exotische Tiere observieren. Das kommt mir falsch vor.
Dabei reagieren die beiden Frauen freundlich und offen auf unsere Fragen. Auch die beiden Männer scheinen ausgesprochen interessiert an unserem Gespräch zu sein.
Und als wir gehen, habe ich trotzdem das Gefühl, dass das Ganze vielschichtiger ist, als ich belegen kann. Denn auf der nächsten Baustelle erhasche ich einen Blick auf zeltartige Behausungen, mit Wäsche auf einer Wäscheleine davor und einem Inder, der sich draußen kaum bekleidet wäscht. Für mich ein deutlicher Hinweis darauf, dass Arbeiter tatsächlich direkt auf den Baustellen wohnen.
Wahrscheinlich gibt es eben nicht das eine System, sondern Arbeiter und Familien, die auf der Baustelle wohnen, und solche, die nur dort arbeiten. Und so kann es sein, dass dasselbe Haus zuerst die Menschen beherbergt, die es bauen, und später diejenigen, die Tausende Euro Miete dafür zahlen.



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