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Im Sommer zeigt man Haut

  • Autorenbild: Kerstin Tscherpel
    Kerstin Tscherpel
  • vor 2 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

In Delhi ist es praktisch neun Monate Sommer. Das bedeutet, dass man sich neun Monate lang die Beine enthaaren muss. Außer, man setzt auf maximale Natürlichkeit. Ich bin ein Kind der 80er und die Vorstellung, meine Beinbehaarung zur Schau zu tragen, ist mir einfach unangenehm. Also rasiere ich meine Beine für gewöhnlich gleich unter der Dusche. Das hält aber nur einen Tag lang an und meine Haut leidet zunehmend darunter. Ich besitze auch ein Epiliergerät. Aber dazu kann ich mich meist nicht durchringen, da es zu schmerzhaft ist und noch zeitaufwendiger als die Rasur.


Da ich in Delhi täglich an diversen Schönheitskliniken vorbeifahre, kam mir der Gedanke, dass ich meine Beine hier dauerhaft enthaaren lassen könnte. Ich informiere mich über Lasertechnik und nach einigem Abwägen beschließe ich, den Versuch zusammen mit einer Freundin zu wagen.


Schönheitsklinik Alive
Schönheitsklinik Alive

Wir fahren in eine Schönheitsklinik. Alles ist stylisch eingerichtet und top modern. Zuerst findet eine Konsultation beim Arzt statt. Dieser befragt uns nach unserer Krankengeschichte und nach unseren Wünschen. Er nimmt unseren Beinenthaarungswunsch zur Kenntnis und erklärt dann, dass es am günstigsten wäre, ein Paket zu buchen, das die Enthaarung des ganzen Körpers einschließt. Ich bin irritiert und überlege, warum ich wohl meinen Rücken oder Bauch enthaaren lassen sollte, wo ich dort gar keine störenden Haare besitze. Ist das bei Inderinnen anders? Ein unangenehmes Bild von sichtbar behaarten Bäuchen drängt sich in mein Bewusstsein.

Wir fragen mehrmals nach dem Preis und werden schließlich an eine nette Frau verwiesen, die uns über das Angebot informiert. Sie möchte uns ein 6er-Paket verkaufen, das etwa 600 Euro kostet. Im Vergleich zu Deutschland ist der Preis zwar günstiger, trotzdem ist das ein Betrag, den ich gut investiert wissen will. Ich bin unsicher, ob ich sofort das Paket buchen soll und bestehe auf einer Einzelsitzung zur Probe. Schließlich habe ich bislang gar keine Vorstellung von der Prozedur.


Weil wir ohne Terminvereinbarung reingeplatzt sind, müssen wir warten, bis das Lasergerät frei wird. So lange werden wir mit Hühnchensalat bei Laune gehalten. Der ist natürlich scharf und ich sammle akribisch die grünen Chilischoten raus.


Endlich geht es los. Ich werde in einen kleinen Raum geführt, der vollständig mit grauen Holzpaneelen verkleidet ist. An den Wänden hängen Bilder mit moderner Kunst, und seitlich sind zusätzlich zur Oberbeleuchtung Lichtleisten angebracht. Der Raum ist so gut ausgeleuchtet, dass jeder kleine Schönheitsmakel sichtbar wird.

In der Mitte steht eine Liege und daneben ein Geschirrwagen mit allen möglichen Cremetiegeln. Die kleine Inderin, die für mich zuständig ist, kann sich kaum um die Liege herumdrücken. Obwohl alles so modern ist, läuft indische Shantimusik. Das passt gar nicht zum Ambiente. Hat aber etwas Beruhigendes.


Im Behandlungsraum
Im Behandlungsraum

Erster Schritt ist die Enthaarung der Beine mit dem Rasierer. Ich bin noch nie rasiert worden. Das ist befremdlich. Hoch konzentriert, mit medizinischen Handschuhen, Maske und frisch ausgepackten Einmalrasierern, macht sie sich ans Werk. Die Prozedur dauert ziemlich lange, aber danach bin ich so haarlos an den Beinen wie noch nie. Jetzt kommt der Laser zum Einsatz. Ich bekomme ein kaltes Gel aufgetragen und dann fährt sie mit dem Laserkopf in verschiedenen Richtungen die Beinpartien ab. Der Laser hat ein ziemlich lautes Gebläse und gibt gelegentlich Pieplaute von sich. Ist das, wenn er ein Haar erwischt hat? Jedenfalls spüre ich außer dem Druck des Laserkopfes nichts. Kein Schmerz, Kribbeln oder Hitzegefühl. Das ist angenehm, aber gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass gar nicht viel passiert.

Am Ende werden die Beine noch eingecremt und ich werde entlassen. Ich sehe keine roten Punkte oder Zeichen, die auf Irritation hindeuten könnten. So als wäre außer einer Rasur nichts gewesen. Wieder zweifle ich am Erfolg der Behandlung.


Jetzt bin ich gespannt, wie lange diese Haarlosigkeit anhält und ob nachher wirklich weniger Haare wachsen. Da mehrere Behandlungen für eine dauerhafte Enthaarung nötig sind, gehe ich nicht davon aus, dass ich bereits vom leidigen Rasieren befreit bin. Aber immerhin muss ich mich vor der nächsten Behandlung nicht fürchten.


Zum Abschied haben wir noch Prospekte über weitere Angebote der Klinik bekommen. Von Ernährungsberatung bis zur plastischen Chirurgie bietet die Einrichtung alles, was einen schöner machen soll. Und obwohl ich den Gedanken reizvoll finde, die eine oder andere Körperpartie zu straffen, habe ich Hemmungen. Die Techniken werden zunehmend invasiv und gehen mit mehr potenziellen Nebenwirkungen einher. Eine Freundin hatte vor einiger Zeit ein Ultraschallverfahren zur Hautstraffung ausprobiert. Bei ihr lief nicht alles glatt, und nun kämpft sie mit feinen Narben. Das ist mir das Risiko nicht wert.


Zumindest ist die Natur gnädig und lässt uns so langsam altern, dass man es kaum bemerkt. Nur alte Fotos machen den Unterschied sichtbar. Also könnte man die Zeitzeugen einfach nicht mehr anschauen. Das wäre jedenfalls viel günstiger.

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