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  • AutorenbildKerstin Tscherpel

Verflucht?

Hier in Indien wird man an den großen Straßenkreuzungen nicht nur mit gewöhnlichen Bettlern konfrontiert, sondern auch mit Bettelmönchen oder Sadhus, wie sie hier genannt werden. Diese Mönche sind meist wenig bekleidet und tragen oft nur ein orangefarbenes Tuch, das um den asketisch dünnen Leib geschlungen ist. Die Haare sind häufig zu verfilzten Dreadlockturbanen zusammengebunden und in der Hand tragen sie einen kleinen Blecheimer, in dem sie das Gald sammeln. Von diesen Sadhus gibt es echte, die sich tatsächlich nur ihrer geistigen Entwicklung widmen und unechte, die nur so tun als wären sie Sadhus. Für den Außenstehenden ist das leider kaum ersichtlich.

Unser Fahrer hat uns gesagt, dass echte Mönche nicht so offensichtlich an den Kreuzungen betteln. Daher gebe ich diesen Sadhus an den Kreuzungen nichts. Bislang hat das auch immer nur dazu geführt, dass sie einfach weitergegangen sind.


Kürzlich war ich aber am Samstag alleine mit dem Fahrer in Delhi unterwegs. An einer Kreuzung kam ein Sadhu an unser Auto und klopfte an meinem Fenster, um mich auf sich aufmerksam zu machen. Wie immer habe ich ihn ignoriert. Nur diesmal ist er nicht einfach weitergegangen, sondern hat mich auf Hindi beschimpft. Das war für mich völlig neu und verstörend. Sofort habe ich an die schwarzen Sadhus gedacht, vor denen mich ein Kollege gewarnt hat, weil sie einen verfluchen können. Dies war aber kein schwarzer Sadhu. Schwarze Sadhus tragen kein orange. Sie sind gruselig geschminkt und tragen Totenköpfe als Halsketten. Trotzdem blieb die Verunsicherung und das ungute Gefühl, verflucht zu sein.

Also hab ich unseren Fahrer gefragt, was der Sadhu zu mir gesagt hat. Aber zu meiner Frustation, hat Satinder nur gesagt, dass er aufgebracht und verärgert war, ohne eine wortwörtliche Übersetzung zu liefern. Satinder hat mir erklärt, dass am Samstag für den Samstagsgott Shani gesammelt wird. Jeder Wochentag wird einer der unfassbaren vielen hinduistischen Gottheiten zugeordnet. Shani ist dabei der Gott, der ein reizbares Temperament hat und auch irgendwie richtet. Daher geben die Inder alle eine Münze, um nicht den Zorn Shanis auf sich zu ziehen. Das war mir aber alles gar nicht bewusst.


Satinder hat nur gelacht, als ich ihn fragte, ob mich der Sadhu verflucht hat. Er meinte solche Leute an der Straße könnten einen nicht verfluchen und ich bräuchte mir keine Sorgen machen. Das ist zwar beruhigend, aber ab jetzt werde ich am Samstag auch eine Münze geben. Einfach weil das Gefühl beschimpft zu werden und womöglich verflucht, viel zu unangenehm ist.



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1 commentaire


Membre inconnu
01 juin 2023

Bitte passen Sie auf sich auf Frau Tscherpel, mit bösen Geistern ist nicht zu spaßen!

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