Was haben Frisuren mit meinem Wunsch nach einem Zirkuswagen zu tun?
- Kerstin Tscherpel
- vor 1 Tag
- 3 Min. Lesezeit
Jedes Jahr, wenn wir im Heimaturlaub unsere Geburtsstadt besuchen, neigt mein Mann zur Nostalgie. Er versucht, jedes Stadtfest mitzunehmen.
Letztes Jahr stand sogar das 55er-Fest seines Jahrgangs an. Treffpunkt ist ein Vereinsheim in einem der umliegenden Dörfer. Mein Mann steigt aus und ist verunsichert, weil er niemanden erkennt. Schon denkt er, er sei auf dem falschen Jahrgangstreffen gelandet.
Drinnen wird es nicht besser. An ordentlichen Tischreihen trinkt man ein gepflegtes Bier, auf der Brust kleben Namensschildchen. Er schickt mir ein Foto.
Auch ich bin erschrocken.
Wenn ich meine Mama, die zwanzig Jahre älter ist, dazwischensetzen würde, würde sie vermutlich nicht auffallen.
Wie kann das sein?

Tatsächlich hat der Raum optisch etwas von einer kleinen Zeitverschiebung: Mal abgesehen vom traditionellen Ambiente dominieren kurze Föhnfrisuren bei den Damen, graue Haare, Blusen mit Blumen und gemusterte Herrenhemden. Alles bewährte Alltagsgarderobe, ordentlich und vollkommen normal. Nur eben nicht so, wie wir uns selbst wahrnehmen.
Unsere Falten sind vermutlich auch nicht viel weniger. Nur haben wir uns offenbar noch nicht die passende Frisur und Garderobe dazu angeschafft.
Trotz des Schocks lässt mein Mann sich nicht vom alljährlichen Stadtfestbesuch abschrecken. Zusammen mit unserem 19-Jährigen machen wir uns auf. Der Weg ist kurz. Genauso wie die Fußgängerzone. In ein paar Minuten ist man durchgelaufen. Immerhin existiert das Eiscafé aus meiner Jugend noch und löst auch bei mir nostalgische Gefühle aus.
Giengen – eine Kleinstadt, die, wenn überhaupt, wohl nur wegen der Teddybären von Steiff für Fremde ein Begriff ist.
Wir erreichen die Innenstadt und schlendern durch die Menschen, die sich an den Ständen mit Bier, Wein und Bratwurst versorgen. Natürlich trifft mein Mann alte Bekannte.
Eine der ersten Fragen an uns ist, ob wir den vielen Müll und das Kastensystem in Indien nicht furchtbar fänden.
Genau, denke ich, und bin mal wieder frustriert über dieses vorurteilsbehaftete, einseitige Bild von Indien. Ich überlasse es meinem Mann, sich damit auseinanderzusetzen, und ziehe weiter. Dabei muss ich an die kleinen Patpat-Boote in Indien denken, die aus exportiertem deutschen Gelben-Sack-Müll gebaut werden. Wenn die wüssten, denke ich.
Direkt an der Stadtkirche spielt die Band Bretthart. Eine alternde Rockband, die ihren noch älteren Idolen nacheifert und stilecht in paillettenbesetzten Jacken performt. Der Gitarrist steigt auf eine Bierbank, um das Publikum aus der Reserve zu locken, und neigt sich beim Gitarrensolo bedenklich weit in Rückenlage.
Hoffentlich bekommt er keinen Rückenschaden, denke ich. Hier kann man sich schließlich nicht so einfach mal eine Massage buchen wie in Delhi.
Dennoch amüsiert mich sein Engagement sehr.

Die Musik ist gut und der Lillet erfrischend. Im Abendrot kehrt die Storchenfamilie in ihren Horst auf dem Kirchturm zurück.
Ironischerweise ist es meine Cousine, die zeigt, dass es auch anders sein kann. Gelernte Friseurin mit langen rotbraunen Locken, die ihr Gesicht umrahmen. Sie war schon auf den Malediven und ist deshalb an unserem bevorstehenden Urlaub dort interessiert. Ihr Mann ist frisch in Rente und offenbar fest entschlossen, daraus keinen Ruhestand zu machen. Er möchte uns sogar in Indien besuchen.
Und plötzlich sind wir mitten in einem Gespräch über Reisen, Indien und all die Dinge, die noch vor uns liegen.
Auf dem Heimweg denke ich trotzdem über die zunehmende Distanz zu den Menschen in meiner Heimatstadt nach.
Es fällt uns immer schwerer, Gespräche zu führen, die über das gegenseitige Update hinausgehen. Wenn man jemanden länger nicht gesehen hat, trägt einen dieses Update eine ganze Weile. Aber im Abstand von einem Jahr wird es schwieriger.
Bei uns passiert ständig etwas. Ein neues Land, eine Reise, irgendeine absurde Geschichte aus Delhi, Menschen, die kommen und wieder gehen, Pläne, die sich ändern. In Giengen scheint dagegen von außen vieles noch dort zu stehen, wo wir es im Sommer zuvor zurückgelassen haben.
Vielleicht habe ich Giengen deshalb schon als Jugendliche zu eng empfunden und wollte weg.
Und immer häufiger beschäftigt mich der Gedanke, wie es wäre, irgendwann wieder zurückzukehren. Nicht unbedingt nach Giengen. Aber zurück in ein Leben, das womöglich sehr viel gesetzter sein wird als unseres jetzt.
Meine Mama sagt immer: Delhi sei mein Jungbrunnen. Aber vielleicht ist es nicht Delhi, das uns jünger hält. Vielleicht ist es mehr die Art des Lebens, das wir hier führen.
Bin ich zu neugierig und unstet für ein Leben, in dem alles seinen festen Platz hat? Fasziniert mich deswegen die Idee, als Digital Nomad zu leben?
Ich überlege, ob ein Zirkuswagen dieses Bedürfnis befriedigen könnte.
Mit dem kann man schließlich jederzeit den Ort wechseln.
Meine Mama hat dafür gar kein Verständnis. Dabei habe ich diesen Drang wahrscheinlich von ihr geerbt. Ich erinnere mich, wie sie früher in regelmäßigen Abständen im Wohnzimmer die Möbel umgestellt und damit meinen Papa zur Verzweiflung gebracht hat. Vielleicht war das ihre Version davon.
Und endlich wird mein Gefühl in einer Frage greifbar: Wann wird aus Vertrautheit Stillstand – und warum macht mir genau das beim Älterwerden Angst?
Und deshalb brauche ich vermutlich wirklich diesen Zirkuswagen, wenn wir irgendwann zurückkommen. Mein Mann weiß nur noch nicht, dass das die unausweichliche Konsequenz ist.



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