top of page

Willkommen bei den Tscherpelinis. Die heutige Folge: „Verantwortung“

Autorenbild: Kerstin Tscherpel
Kerstin Tscherpel
16. Sept.
3 Min. Lesezeit

Mit der Verantwortung ist das so eine Sache.


Kürzlich hatten wir mal wieder die Diskussion darüber, wie viel Verantwortung eigentlich von wem zu tragen ist.


Auslöser war diesmal unser fast erwachsener Sohn, der momentan wieder bei uns wohnt. Und wie das so ist, wenn man eigentlich erwachsen ist, aber gleichzeitig noch ziemlich komfortabel im Familiennest sitzt, möchte man auf Augenhöhe mitreden.


Und unser Sohn redet mit.


Bei der Erziehung seines kleinen Bruders zum Beispiel, bei der wir seiner Meinung nach durchaus noch Entwicklungspotenzial haben. Bei unseren Lebensentscheidungen. Bei Ernährung, Sport und vermutlich auch bei Dingen, von denen ich bis dahin gar nicht wusste, dass man dazu eine Meinung haben kann.


Dabei meint er es meistens nicht einmal böse. Im Gegenteil. Oft steckt hinter seinen Ratschlägen echtes Interesse, manchmal Sorge und ziemlich häufig die feste Überzeugung, uns mit seinem Wissen zu helfen.


Nur ist es auf Dauer durchaus anstrengend, wenn im eigenen Haushalt plötzlich ein weiterer Erwachsener lebte, der zu fast allem eine Meinung besitzt und diese auch bei jeder Gelegenheit zum Besten gibt. Egal ob man das hören will oder nicht.


Besonders interessant wird es allerdings, wenn unser Sohn seine Expertise auf das Unternehmen meines Mannes ausweitet. Er soll die Instagram-Posts machen – aber nur so, wie mein Mann es will. Unser Großer fühlt sich seinem Vater aber derart überlegen in seinen Instakompetenzen, dass er das auch unverblümt äußert. Er empfindet es als unzumutbare Einschränkung, nur schnödes Handwerk einzubringen.


Meine beiden Männer sitzen auf unserer Dachterrasse, jeder vor seinem Handy. Es geht um ein Reel, dreißig Sekunden lang, seit Tagen fertig und immer noch nicht online. Dann sagt mein Sohn, dass so etwas heute ohnehin niemand mehr anschaut.

Ich sitze im Wohnzimmer und höre zunächst nur die Tonlage. Es dauert keine zwei Minuten, bis aus der harmlosen Diskussion darüber ein heftiger Schlagabtausch geworden ist. Mein Mann versucht sein Recht auf Bestimmung durchzusetzen, indem er anfängt, seine Verantwortungsbereiche aufzuzählen:


Unternehmen. Finanzen. Bürokratie. Flugbuchungen. Förderung unseres Jüngsten. Hauspersonal. Einkäufe.


Damit ist die Liste noch lange nicht am Ende.


Während unser Sohn also vor allem die Verantwortung für sein eigenes Leben und seinen eigenen Körper trägt, fühlt sich mein Mann für den Rest der Familie zuständig.


Und dann wäre da noch ich – mit einem Verantwortungsbereich, der weniger klar umrissen, aber dafür nicht unbedingt einfacher ist. Ich fühle mich verantwortlich für die Geborgenheit in unserer Familie und damit irgendwie automatisch auch für die Harmonie.


Was bei einem Mann und einem fast erwachsenen Sohn, die beide genau wissen, wie die Dinge zu laufen haben, durchaus herausfordernd ist.


Manchmal erinnert mich mein Sohn dabei an einen jungen Hirsch, der sich ausgerechnet den Platzhirsch zum Sparring ausgesucht hat.


Wenn die beiden sich darüber streiten, wer recht hat, sitze ich deshalb häufig dazwischen und komme mir vor wie eine Mediatorin bei internationalen Friedensverhandlungen. Ich versuche, die Streitparteien auf das Wesentliche zurückzuführen, Missverständnisse zu übersetzen und daran zu erinnern, dass unterschiedliche Meinungen nicht zwingend den Zusammenbruch des familiären Systems bedeuten.


Trotzdem endet das Ganze meist damit, dass ich resigniert in mein Himmelbett — den Ort des inneren Friedens — gehe und die beiden Sparringspartner sich selbst überlasse.


Unser Problem liegt also vielleicht gar nicht darin, dass bei den Tscherpelinis niemand Verantwortung übernehmen möchte, sondern genau im Gegenteil.


Vielleicht, denke ich manchmal, bräuchten wir wieder einen eindeutigen Initiationsritus. Früher musste der Jugendliche eine Prüfung bestehen, das Nest verlassen, Entbehrungen aushalten oder irgendeine andere Herausforderung meistern, um anschließend ganz offiziell in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen zu werden.


Das Abitur hat diese Funktion offensichtlich nicht erfüllt. In Captain Fantastic muss der Sohn dafür einen Hirsch erlegen. Das erscheint mir für Süd-Delhi doch etwas unpraktikabel.


Vielleicht bräuchte den Initiationsritus aber gar nicht unser Sohn. Vielleicht bräuchte ihn mein Mann. Eine kleine Zeremonie, feierlich, mit Zeugen, bei der er offiziell in den Kreis derer aufgenommen wird, die etwas aus der Hand geben können, ohne hinterher nachzusehen, ob es auch richtig gemacht wurde.


Einen Hirsch müsste er dafür nicht einmal erlegen. Obwohl er mit seinem Bogen dazu durchaus in der Lage wäre. Wie die indische Regierung allerdings darauf reagieren würde, wenn wir im Deer Park auf Hirschjagd gehen, möchte ich mir lieber nicht vorstellen.


Bleibt nur die Frage: Wie bringe ich ihm das bei, ohne dass er wieder unter Kontrollverlust leidet?


Und damit wären wir wieder beim Loslassen.



Kommentare


  • Instagram

©2021-2026 10 feet in india. Created with Wix.com
Impressum

bottom of page